Hanse im Mittelalter

Zwei Haupthandelstraßen verbinden im Mittelalter den Norden und Süden Europas. 1. Von Italien durch das Rheintal nach Flandern und England, 2. von Byzanz über das Schwarze Meer durch Westrussland and den Finnischen Meerbusen. Die beiden Hauptpunkte dieser Verkehrsstraßen sind Brügge, wo die englische Wolle der flandrischen Tuchindustrie zugeführt und als Fertigware nach dem Süden weitergebracht wird, und Nowgorod, wo die Rohprodukte des Nordens von byzantinischen und arabischen Kaufleuten eingehandelt werden. Zwischen beiden Verkehrswegen bilden Nordsee und Ostsee die natürliche Verbindung.

Der deutsche Handel erreicht die Ostsee durch die Begründung Lübecks, wo sofort westfälische Kaufleute sich niederlassen. Diese begründen als Etappen auf dem Wege nach Nowgorod die deutschen Städte Wisby auf Gotland, Riga, Reval und Dorpat. Erst nach entstehen die Städte an der deutschen Ostseeküste: Wismar, Rostock, Stralsund und Danzig.

Noch im 13. Jahrhundert erlangen die deutschen Bürger das Monopol für den Handel zwischen Ost- und Westeuropa. Sie bringen nach Russland die Industrieerzeugnisse des Westens, nach dem Westen Rohstoffe (Pelz, Wachs, Honig). Dazu tritt der Handel mit Skandinavien: Stockfisch aus Norwegen, Hering aus Schonen, im Austausch gegen Getreide, Salz (Lüneburg), Bier (Hamburg). Der Wollhandel mit England wird befördert von den englischen Königen, deren Herrschaft durch die Zolleinnahmen und freigebigen Kredit der deutschen Kaufleute gestützt wird.

Die Hanse im Mittelalter

Die Hanse im Mittelalter

Das von Heinrich dem Löwen 1159 neugegründete Lübeck bildete eine Konkurrenz zu den Genossenschaften, nicht nur weil es rein geographisch das Zentrum des Ost-West-Handels war. Wenn der Warenverkehr nicht den umständlichen Seeweg einschlagen sollte, so musste er über Lübeck verlaufen. Aber Lübeck unternahm auch aktive Anstrengungen zum Ausbau seiner Position. Lübeck schloss Bündnisse und verschaffte sich Privilegien in Norwegen, Schweden, England, Flandern, Dänemark, Utrecht und Holland. Lübeck erwuchs zur ernsten Konkurrenz zur Gotländischen Genossenschaft.

Der Übergang von dieser sog. Kaufmannshanse zur Städtehanse wurde von mehreren Faktoren bedingt. So sollte es sich zeigen, dass die autonomen Räte der Städte den Ältestengremien der Genossenschaften an Effizienz und Einfluss überlegen waren. Außerdem verschaffte im 13. Jahrhundert die nautische Entwicklung der Hanse Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten, weil die Kogge nunmehr seetüchtiger als andere Schiffe war. Ein weiterer Faktor, der zur Überlegenheit der Städte gegenüber den Reise- oder Auslandsgenossenschaften führte, war der damalige Übergang der Händler von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. Dies alles löste selbstverständlich die Handelsniederlassungen im Ausland nicht auf, aber es nahm ihnen zunehmend ihre Autonomie, weil von nun an die Hansestädte die Lenkung des gesamten Privilegien- und Fernhandelssystems übernahmen.

Die Handelsbeziehungeninnerhalb der Hanse beruhten auf einer Kombination von Land- und Seehandel. Von Süden und Westen her kamen wertvolle Fertigwaren (Wein, Tuche und Metallerzeugnisse) sowie Salz, von Osten und Norden dagegen Rohstoffe (Honig, Pelze, Teer, Pottasche, Holz, Getreide, Flachs, Pech und Wachs), Hering und Stockfisch. Luxusgüter – auf Bernsteinexport hatte der Deutsche Orden ein Monopol-, Gewürze und Südfrüchte standen an Quantität diesen Handelsobjekten nach. Der Landweg verlangte nach einer geeigneten Infrastruktur, und so trug die Hanse erheblich zum Ausbau des Wegenetzes bei.

Die Hanse im Mittelalter

Die Hanse im Mittelalter

Zur Ausnutzung dieser Handelsmöglichkeiten schließen sich die deutschen Kaufleute im Auslande zusammen zu einer Hanse (= Schar, Genossenschaft). Diese Verbindung wird auf die Heimatstädte übertragen. Sie geben sich eine feste Organisation und schaffen sich eine Kriegsflotte zur Sicherung der Meere.

Der umfasst zeitweise alle namhaften Städte bis zu der Linie Köln – Dortmund – Göttingen – Halle – Breslau – Thorn  - Dünaburg – Dorpat.  Die Gesamtzahl der Städte (Höchstzahl 77)  ist gegliedert in 4 Gruppen (Viertel) mit den Vororten Lübeck, Köln, Braunschweig und Wisby (später Danzig). Sie treten aber selten gemeinsam auf. Gemeinsame Angelegenheiten werden auf den Hansetagen beraten, die Beschlüsse niedergelegt in den Hanserezessen. Hauptzwangsmittel gegen unbotmäßige Mitglieder ist die Verhansung, d.h. Ausschluss von den Privilegien und dem Verkehr  mit den übrigen Bundesstädten. Genaue Bestimmungen über Handel und Seefahrt verhindern den freien Wettbewerb und sichern jedem hansischem Kaufmann sein Auskommen. Gegenüber fremden Kaufleuten besteht der Stapelzwang, d.h. die Verpflichtung, die mitgeführten Waren auszuladen und feilzuhalten.

Die Kriegsflotte säubert die Ostsee  von den zeitweise gefährlich  gewordenen Seeräubern (Vitalienbrüder), die dann die Nordsee unsicher machen, bis die Hamburger ihren Stützpunkt  Emden erobern.

Alle Bundmitglieder nehmen teil an den hansischen Privilegien im Ausland. Die wichtigsten Bundeseinrichtung sind die Kontore (Handelsniederlassungen): der Petershof in Nowgorod, die „deutsche Brücke“, der Stahlhof  in London und das Karmeliterkloster in Brügge.

In den drei erstgenannten leben die hansischen Kaufleute streng geschieden von den übrigen Einwohnern in besonderen Quartieren unter eigenen Gesetzen und Oberhäuptern, in Brügge wenigstens  unter eigenen Aldermännern. In Schweden besteht Gleichberechtigung und enge Gemeinschaft der deutschen und schwedischen Bürger.

Der gefährlichste Gegner der Hanse ist Dänemark, das den Versuch ein großdänisches Ostseereich zu gründen, noch mehrfach wiederholt. Als Waldemar Atterdag (1340 – 1375) Schon erobert und Wisby ausplündert, schließen die norddeutschen Städte die Kölner Konföderation, den größten und festesten deutschen Städtebund, und zwingen Waldemar  zum Frieden von Stralsund: Bestätigung und Erweiterung aller Handelsprivilegien, Aufsicht über den Bund durch militärische Besetzung, bestimmender Einfluss auf die Nachfolger Waldemars.

Die Hanse im Mittelalter

Die Hanse im Mittelalter

Auch in der Folgezeit greift die Hanse in die Kämpfe der nordischen Staaten oft entscheidend ein, um die Entstehung eines geschlossenen skandinavischen Reiches zu verhindern. Vorübergehend gelingt es der Königin Margarete, Tochter des Dänenkönigs Waldemars, alle drei Reiche zu vereinigen (Kalmarische Union 1397). Aber nach ihrem Tode behauptet Schweden, das schon im 12. Jahrhundert Finnland  erobert und christianisiert hat, unter eigenen Reichsverwesern eigenen fast vollständige Unabhängigkeit. Dagegen gewinnt Dänemark das Herzogtum Schleswig  und die Grafschaft Holstein durch Personalunion (1460). Der Versuch, auch Dithmarschen zu erobern, endet mit der Vernichtung des dänischen Ritter- und Söldnerheeres durch die Bauern bei Hemmingsstedt (1500).

Die Gründe für die Blüte der Hanse waren: 1. Überlegenheit der hansischen Handelsorganisation dem skandinavischen Gelegenheitshandel; 2. die Verbindung privatwirtschaftlicher Unternehmerlust mit politischer Stellung, indem die im Ausland geschulten Kaufleute in der Heimat in den Rat eintragen: 3. der rechtzeitige Einlass militärischer Macht, wenn dem Handel von außen Gefahr drohte; 4. der klare Blick für das politisch Mögliche, als die sie Frieden von Stralsund erreicht war, verzichtete die Hanse auf weitere Machtausdehnung

Trotz aller äußeren Erfolge machen sich zu Ende des 15. Jahrhunderts die ersten Anzeichen des Niedergangs hanseatischer Macht bemerkbar. Eine Reihe einzelner Ursachen wirken dabei zusammen.

  1. Der Zusammenbruch des Deutschen Ordens, der als einziger der deutschen Territorialstaaten  der Hanse einen Rückhalt bot.
  2. Das Erstarken Russlands, Iwan III.  befreit sich von der Mongolenherrschaft und das blühende, volkreiche Nowgorod wird fast völlig zerstört, das Kontor der Hanse geschlossen.
  3. Die deutschen Landesherren zwingen nach und nach ihre Landstädte, die zu selbstständig werden, aus der Hanse auszutreten (zuerst Brandenburg).
  4. Die wirtschaftlichen Beschränkungen werden allmählich auch für den deutschen Kaufmann drückend. Die oberdeutschen Städte erschließen daher einen Landweg nach dem Osten.
  5. Die Holländer, gestützt auf die habsburgische Macht, bringen am Ausgang des 15. Jahrhunderts infolge einer engen Verbindung mit Dänemark einen Teil des Ostseehandels an sich.

Die Beschränkung, die sich die Hanse seit dem Stralsunder Frieden in richtige Erkenntnis des Erreichbaren auferlegt, führte doch schließlich zu innerer Erstarrung. Kleinsche Eifersucht lähmte auch hier wie in allen Städten die politische Entschlusskraft. Während die Randstaaten der Ostsee und Nordsee immer mehr erstarkten und eine nationale Wirtschaftspolitik aufnahmen, stand hinter der Hanse kein einheitliches Machtgebiet. Das Reich zu zerrissen, der Kaiser durch andere Aufgaben abgelenkt. Doch trat der Niedergang der Hanse erst im 16. Jahrhundert deutliche in Erscheinung.

Die weltgeschichtliche Bedeutung der Hanse liegt darin, dass sie zum ersten Male das deutsche Bürgertum ganz Norddeutschlands zu einer völkischen Einheit mit aktiven wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben zusammenfasste. Darin kam die natürliche Stellung Deutschlands in Europa als Vermittler zwischen den Wirtschaftsgebieten des Ostens und Westens und Kulturträger für den Norden zum Ausdruck.

Die Hanse im Mittelalter

Die Hanse im Mittelalter