Ketzerbewegung im Mittelalter

Zu gleicher Zeit verbreiteten sich jedoch Lehren, die die Grundlage der katholischen Kirche untergruben. Die ausgebeuteten Menschen im Mittelalter strebten nach einer Änderung der Gesellschaftsordnung. aber die reiche und mächtige Kirche, die stets auf der Seite der Herren stand und den Werktätigen nur Demut und Gehorsam predigte, bildete eine starke Stütze dieser Gesellschaftsordnung. Es wurden daher immer häufiger Forderungen laut, in denen verlangt wurde, dass die Kirche arm sein und ihre gesamte Lehre abgeändert werden müsse.

Diese dem Katholizismus feindlichen Lehren hießen „Ketzereien“ (oder Häresien)  und ihre Anhänger „Ketzer“. Häresie bedeutet „Spaltung“, Abfall vom der herrschen Kirche.

Am meisten verbreitet war das Ketzertum der Waldenser und der Katarer.

Die Lehre der Waldenser entstand in Südfrankreich. Der Begründer dieser Sekte, Waldus, war ein Kaufmann. Er verteilte sein Vermögen und predigte unter den armen Handwerkern und Bauern. Er lehrte, die Kirche solle arm sein, und verurteilte die Geistlichkeit wegen ihrer Sittenlosigkeit und ihre Reichtums. Er rief zum einfachen Leben der frühen christlichen Gemeinden auf und forderte die Gleichheit aller Menschen. In großer und armseliger Kleidung wanderten die Waldenserprediger durch die Dörfer und Städte Frankreichs und Italiens. Die Zahl ihrer Anhänger wuchs rasch.

Die andere Ketzerbewegung, die der Katarer (vom griechischen „katharos“, „rein“) verbreitet sich ebenfalls in Frankreich und Norditalien. Katarer lehnten die katholische Kirche und ihre Lehre völlig ab. Sie erkannten weder den Papst noch die katholischen Bischöfe und Pfaffen an.

In Südfrankreich hießen die Waldenser und Katarer Albigenser, nach der Stadt  Alb, ihrem Hauptzentrum. Viele Stadtbewohner und Ritter schlossen sich in Frankreich den Albigensern an, aber auch Feudalherren, die hofften sich die reichen Besitzungen der katholischen Kirche aneignen zu können.

Papst Innozenz III. rief zu einem Kreuzzug gegen die Albigenser (1208) auf. Ein großes Ritterheer sammelte sich in Nordfrankreich. Der Kampf dauerte 20 Jahre und wurde von den Kreuzfahrern mit furchtbarer Grausamkeit geführt. Die Bevölkerung ganzer Städte wurde vernichtet. Der päpstliche Legat (Gesandte) erklärte: „Tötet alle, Gott wird im Jenseits sie Seinen schon herausfinden“, d.h. Gott werde schon unterscheiden, wer Katholik und wer Ketzer sei, Der blühende und reiche Süden Frankreichs wurde völlig verwüstet.

Zum Kampf gegen die Ketzer errichtete die Kirch ein besonderes Gericht die Inquisition. Die Inquisitoren suchten überall nach Ketzer oder solchen, die der Ketzerei verdächtig waren. Diese wurden in Kerker geworfen und gefoltert. Die Verurteilten wurden der weltlichen Macht zur Bestrafung „ohne Blutvergießen“ übergeben, Diese heuchlerische Formel bedeutet die Verbrennung des Ketzers auf dem Scheiterhaufen, Die Hinrichtungen erfolgten zu Abschreckung öffentlich.

Trotz aller dieser Maßnahmen der der katholischen Kirche hörten die Ketzereien nicht auf, Die Ursache dafür war das Anwachsen des Hasses gegen die feudale Kirche. Unter den Gesellen, kleinen Handwerkern und armen Bauern verbreiteten sich Sekten, die eine vollständige  Umgestaltung der gesamten Gesellschaftsordnung verlangten. Die Sektierer lehrten, dass alles Böse vom Reichtum herrühre und das Eigentum der Gemeinschaft gehören musste. Sie glaubten, dass der letzte Abschnitt der Weltgeschichte, wo alles den Menschen gemeinsam gehören werde nahe bevorstehe. Die Sekte der „Apostelbrüder“ verbreitete diese Lehre schon im 13. Jahrhundert. Die Anhänger dieser Sekte waren grausamen Verfolgungen ausgesetzt. Ihr Begründer, der Bauer Segarelli, wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sein Werk wurde von Dolcino fortgesetzt. Zusammen mit seiner Gehilfin Margarita organisierte er einen Bauernaufstand in Norditalien (1301). Unter den Aufständischen kämpften unter Margaritas Führung auch mutige Frauen. Anfangs verlief der Aufstand erfolgreich. Aber der Papst predigte seinen Kreuzzug gegen die Aufständischen. Die Truppen der Feudalherren drängten die Bauern in Gebirge und umzingelten ihr Lager. Nach langen Widerstand wurden die Bauern geschlagen. Dolcino und Margarita wurden gefangengenommen, gefoltert und hingerichtet. Aber keine Grausamkeiten konnten das Anwachsen der Ketzerbewegung aufhalten, denn sie brachten den Protest gegen den Feudalismus und die katholische Kirche zum Ausdruck.