Kompass im Mittelalter

Die Schifffahrt der alten Völker war fast nur Küstenschifffahrt; es fehlte ihnen an einem Wegweiser durch die unermessliche Wasserwüste. Richtschnur gaben die Sonne und die Sterne, die aber durch die Nacht und den Wechsel der Witterung oft dem Auge entzogen werden. Keinem fiel es ein, dass ein Stückchen Eisen besser die Himmelsrichtung anzugeben vermöge als der Mensch, und dass man sich mit einem höchst einfachen Instrument als untrüglichen Wegweiser auf alle noch so unbekannten Meere hinauswagen dürfe.

Es hat nämlich eine mit einem Magnetstein bestrichene Nadel die Eigenschaft, sobald sie ungehindert schwebt, mit der einen Spitze immer nach Norden zu zeigen. Dadurch lassen sich die übrigen Himmelsrichtungen bei Tag und Nacht, bei heiterem und bei bewölktem Himmel, mit Sicherheit bestimmten. Wem wir diese Erfindung verdanken, ist unbekannt. Einige schreiben sie dem Favio Gioja zu, andere dem Giri aus Amalfi in Unteritalien, der zu Anfang des 14. Jahrhunderts gelebt hat; noch andere behaupten, sie sei schon im 12. Jahrhundert gemacht worden.

Eine solche mit Magnet bestrichene Nadel wird in ein rundes, oben mit einer Glasplatte bedecktes Kästchen über ein spitzes Stäbchen gelegt, so dass sie sich nach allen Seiten frei bewegen kann. Kompass nennt man diese Einrichtung, die immer mehr vervollkommnend wurde und bald den sichersten Führer der Seefahrer abgab. Seitdem erst wurde es möglich, ausgedehnte Meerfahrten zu unternehmen, neue Länder und Völker zu entdecken und mit ihnen in Verkehr zu treten.