Fahrende




Fahrende (mhd. varnde, varndez volc, varnde liut = umherziehendes Volk, vriharte = Vagabunden). Eine bedeutende Volksmenge war im Mittelalter auf der Straße unterwegs, vagierte von Ort zu Ort, von Markt zu Markt, zog sich bei Reichstagen und Konzilien, bei Festen und Messen zusammen. Unter den Fahrenden fanden sich Joculatoren (Possenreißer, Pantomimen, Puppenspieler), Jongleure und Seiltänzer, Gaukler und Taschenspieler, Tänzer und Akrobaten, Schaukämpfer, Tierbändiger, Wahrsager usf. Fahrende Spielleute beherrschten meist mehrere Instrumente. Fiedler, Pfeifer, Posaunenbläser, Drehleier- und Dudelsackspieler, Trommler und Harfenisten spielten zur Unterhaltung und zum Tanz auf – stets laut, nicht immer in Harmonie. Zum Volk der Fahrenden zählten weiters Marktschreier, Hausierer, Quacksalber, landfahrende Dirnen und Bettler, Verbannte, entsprungene Mönche oder Nonnen, abgedankte Söldner, betrügerische Reliquien- und Theriakskrämer und allerlei Diebsgesindel. All diese Leute galten als unredlich, ehr- und rechtlos und parasitär; sie standen bei der Kirche und dem sesshaften Teil der Gesellschaft im Ruch, lasterhaft, gottlos, teils gar dämonischer Künste fähig zu sein. Die Diffamierung der Histrionen und Joculatoren seitens der Kirche gipfelte gelegentlich in der Forderung nach einem Kommunionverbot (Decretum Gratiani, ~ 1140; Summa de penitentia, 13. Jh.; Synodalbeschluss von Eichstätt, 1435) oder der Exkommunikation (Berthold von Regensburg, 13. Jh.) Mildtätigkeit gegenüber Fahrenden hatte schon Augustinus als Sünde gebrandmarkt. Vereinzelten kirchlichen Stellungnahmen zufolge waren Fahrende als Diener und Helfer des Teufels unfähig der Bekehrung.

Auf ambulante Weise übten auch Oculisten (s. Augenärzte), Bruchschneider, Steinschneider, Zahnkünstler und Arzneienhändler ihr Gewerbe aus; sie mochten als Scharlatane verschrien sein, der Ehrlosmachung unterlagen sie nicht.

Unter den Leuten, die auf den Straßen unterwegs waren, gab es auch wandernde Saisonarbeiter, die Beschäftigung auf Baustellen oder in der Landwirtschaft suchten, umherziehende Korb- und Kesselflicker, Wanderschmiede, Schuhflicker und Kleinhändler; sie galten zwar nicht als ehrlos, wurden aber wegen ihrer Eigenständigkeit und Unsesshaftigkeit häufig als der Gottlosigkeit, der Unruhestiftung oder gar der Spionage verdächtigt.

In hohem Ansehen standen die fahrenden ritterbürtigen Dichter und Sänger (s. Minnesänger, Sänger des Heldenliedes). Weniger guten Ruf genossen Vaganten (fahrende Scholaren, “Lotterpfaffen”) und Goliarden, die ihr Publikum in Gasthöfen und Spelunken durch den Wortwitz ihrer Lieder erheiterten.

Mit den Fahrenden zog eine große Schar von Kindern, die frühzeitig zum Betteln angehalten wurden – war doch Kinderbettelei anrührender und damit einträglicher. Auch zum städtischen Alltag gehörten Scharen bettelnder Kinder, deren lärmendes Geschrei, Zanken und Jammern die Straßen erfüllte.

Unter den Fahrenden bildete sich eine von Ihresgleichen im ganzen deutschen Sprachraum verstandene Sondersprache, das Rotwelsch (mhd. rotwalsch, -welsch; frz. argot) heraus.

(s. Fremdling, Randgruppen, Reisende, Scherenschleifer, Kesselschmied, Unterschichten, Zigeuner)




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