Blutegel

Cinque Terre Forest
Lexikon des Mittealters Zwischen Zinnen und Alltag - Das Leben auf mittelalterlichen Burgen
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Blutegel (v. grch. echis = kleine Schlange; mhd. egele, egel; mlat. egala sanguisuga; lat. hirudo; wiss. Hirudo medicinalis). Gemäß der im Mittelalter vorherrschenden Säftelehre war Blutentzug ein Mittel, um dem Körper krankmachende Flüssigkeit zu entziehen. Hierzu bediente man sich – neben Aderlass, Purgieren und Schröpfen – blutsaugender Egel, die in Sümpfen oder pflanzenbewachsenen Tümpeln und Bächen gesammelt wurden. Die bis 20 cm langen Egel sind zur Erlangung der Geschlechtsreife darauf angewiesen, Säugetierblut aufzunehmen. Dies gelingt ihnen umso leichter, als sie in die Bisswunde gefäßerweiternde und gerinnungshemmnde Sekrete (histaminähnliche Substanzen, Hirudin, Heparin) abgeben. Die Bisswunde, entstanden durch die scharfkantigen Kiefer des dreispaltigen Mundes am Grunde des vorderen Saugnapfes, ähnelt dem dreizackigen Mercedesstern. Bevorzugte Körperstellen zum Ansetzen der Egel waren Hals, Schultern, Arme, Kniekehlen und die Sitzflächen. Die Zahl der anzusetzenden Blutegel richtet sich nach dem Alter des Patienten, dessen Ernährungszustand und dem Krankheitsbild sowie der Häufigkeit der beabsichtigten Anwendung (bis zu 3-mal wöchentl.) und der Grösse der Blutegel. Bei Kindern wurde pro Lebensjahr höchstens 1 Blutegel angesetzt, bei Erwachsenen bis zu 100 Stück. Die Saugzeit beträgt je nach Grösse des Blutegels, seinem Hungerzustand und der Blutfülle der Saugstelle 15 Minuten bis zu einer Stunde, kann aber auch bis zu 3 Stunden dauern. Das Abfallen des vollgesaugte Egels war abzuwarten, da bei einem gewaltsamen Entfernen Teile des Kiefers in der Bissstelle verbleiben und zu Entzündungen führen können. Wenn nötig, kann der Saugakt durch Betupfen des Egels mit Essig, Salz oder Alkohol abgekürzt werden.

Beim Saugvorgang erhöht sich das Gewicht des Egels um ein Mehrfaches; Nachblutungen können bis zu 12 Stunden andauern. Um die langlebigen Egel (bis zu über 20 Jahren) öfters ansetzen zu können, wurde der Patient vor dem Blutentzug mit Salz eingerieben; dadurch sollte der Saugwurm zum Erbrechen gebracht werden und das aufgenommene “faule” Blut von sich geben, das ihn ansonsten umgebracht hätte.

Die Blutegeltherapie war schon bei vielen Naturvölkern bekannt; in ägyptischen und babylonischen Texten findet sie um 1.500 v.u.Z. Erwähnung. Ärzte der röm. Spätantike setzten die Egel bei Gichtanfällen und Hämorrhoiden ein. Von Italien her verbreitete sich die Blutegel-Therapie in ganz Europa, und wurde besonders gegen chronische Entzündungen, Krampfadern und Fettsucht, sowie zur Schmerzlinderung und gegen Fieber eingesetzt; im Mittelalter gehörte sie zum Repertoire der Volksmedizin und wurde auch von studierten Ärzten praktiziert.

(s. Ableitung der Körpersäfte)

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