Liebe




Liebe (mhd.liebe, ahd. liubi). Liebe im heutigen Sinne, als einer auf Zärtlichkeit, Leidenschaft, wechselseitiges Verantwortungsgefühl und dauerhaftigkeit angelegten Bindung an den umworbenen Partner, ist erst bei den einigermaßen saturierten Oberschichten des Hochmittelalter aufgekommen, denen ausreichend Muße für die Entwicklung romantischer Gefühle gegeben war. Ihre ideale Form sollte sie in der höfischen Minne finden. Vorher war das Bestreben der Ehepartner zu sehr von Notwendigkeiten der praktischen Arbeitsteilung, des täglichen Broterwerbs und dem Ziel der Nachkommens-Zeugung bestimmt, als dass man romantische Gefühle hätte entwickeln können.

Wie alle menschlichen Gefühls- und Verhaltensweisen wurde auch die Liebe im Mittelalter zunächst vom kirchlichen Wertungssystem her betrachtet: Liebe hatte vor allem Gottes- und Nächstenliebe (amor dei, caritas, agape, amicitia) zu sein. Sinnliche Liebe (amor), als deren Entfacherin stets die Frau angesehen wurde, galt immer als negativ, als vernunftlose, triebhafte, Gott verhasste Leidenschaft (libido), welche die hehren Ideale von Askese und Jungfräulichkeit verletzte. Allenfalls zuchtvolle eheliche Zuneigung (charitas conjugalis, dilectio) und “ehrbarer” Geschlechtsverkehr (honesta copulatio) mit der Absicht der Zeugung wurden mäßig positiv bewertet. Im 12. und 13. Jh. erlebten Mystikerinnen eine schwärmerische Gottesliebe, in ekstatischen Ausnahmezuständen gar körperliche Vereinigung mit Gott. Etwa gleichzeitig wurde die Liebe zwischen Mann und Frau in der Minnelyrik thematisiert. Allerdings lag der idealistische Anspruch der hehren Minne selbst für die höfische Gesellschaft zu hoch (s. höfische Minne). Die Fähigkeit, richtig zu lieben, wurde nur den gehobenen Ständen zugetraut. Andreanus Capellanus schreibt: “Von der pawern und agkerleüt und mynn: Wir sprechen, das das selten geschehen mag, das die pawern sich üben in der rechten lieb und mynn sunder, sy werden naturlich als de rosz und esel zu dem lust irs fleischlichen begerens geraitzt.”

Als berühmte Liebespaare des Mittelalter seien genannt: Abaelard und Heloise (s. Peter Abaelard), Herzog Albrecht und Agnes Bernauer (s. Bernauer, Agnes), Elisabeth von Ungarn und Landgraf Ludwig IV. von Thüringen (s. Elisabeth (Heilige)). – Aus der mittelalterliche Literatur stammen die Sagen- und Romangestalten: Siegfied und Kriemhild (Nibelungenlied), Tristan und Isolde (Gottfried von Straßburg), Lohengrin und Elsa (s. Lohengrinsage), Parzival und Kondwiramur (Wolfram von Eschenbach), Floris und Blanscheflur (Konrad Fleck), Erec und Enide (Chrestien (Chretien) des Troyes).

In der Naturphilosophie galt der Zustand der Verliebtheit (lat. amor venereus, libido) als Krankheit. Der Arzt Petrus Hispanus schreibt: “Die Liebe ist eine Geisteskrankheit, auf Grund derer der Lebenshauch ins Leere schweift, wobei sich häufig Schmerzen mit Freude mischen. … Die Zeichen dieses Leidens sind depressive Gedanken, ein gelbes Gesicht, unbegründete Traurigkeit, tiefliegende, unstete Augen, tiefe Seufzer …”. (Zit. bei P. Dinzelbacher). Als Sitz der Krankheit betrachtete er die Hoden, als Heilung Geschlechtsverkehr.

Als sündige, illegitime Sexualität galt die weibliche Prostitution (s. Prostituierte). Der Gang ins Frauenhaus (s. Bordell) galt zwar als Hurerei (huorerie, lat. fornicario), wurde aber nur mäßig abqualifiziert, wo nicht durch städtische Verfügungen eher gefördert.

Liebe zwischen Eheleuten (copula carnalis, commixtio) war mit der romantischen höfischen minne nicht vergleichbar; sie galt eher als Pflichtübung und bar aller romantischen Umstände wie Heimlichkeit und aventiure.

Bei der Eheschließung galt, in allen Ständen gleichermaßen, gegenseitige Zuneigung nicht als Vorbedingung, wohl aber Jungfernschaft (Unberührtheit, Reinheit) der Braut. Ehen wurden meist von den Eltern gestiftet und folgten dynastischen, sozialen oder vermögensbedingten Überlegungen. Gefühlsmäßige Zuneigung der Ehepartner wurde als Folge, nicht als Voraussetzung der Eheschließung betrachtet.

Gleichgeschlechtliche Liebe (s. Sodomie) galt als Todsünde, die schwerste Strafen Gottes für die ganze Menschheit nach sich zog; entsprechend hart waren die Strafandrohungen geistl. und weltl. Gerichte.

(s. Agnes Blannbekin; Aphrodisiaca; caritas; Ehe; Liebeskrankheit; Minneallegorie, geistliche; Sexualität)




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