Liebestränke




Liebestränke (mhd. minnetraenke, -zunder; lat. aphrodisiaca, amorifica, veneficia amatoria, pocula amatoria). Bedeutenden Raum nahmen in der mittelalterliche Volksmedizin und in den Rezeptbüchern der Zeit Verschreibungen für magische Tränke ein, die in einem begehrten Partner die Liebe entfachen bzw. – weit seltener – die Liebesglut eines aufdringlichen Freiers dämpfen sollten, meist jedoch die Steigerung der männlichen Potenz zum Ziel hatten. Verwendung fanden

Substanzen menschlichen Ursprungs (Haupt- und Schamhaare, Schweiß, Sperma, Vaginalsekret, Menstrualblut, Frauenmilch),

Tiere (Sperlinge, Fische, Schlangen, Schnecken, Frösche, Krebse),

Tierteile (Hoden, Penis, Nieren, Leber, Hirn von Stieren, Hengsten, Hirschen, Hähnen; Blut und Herz von Fledermaus und Schwalbe),

Pflanzen (Alraune, Liebstöckel, Phallus impudicus, Hauswurz(Hauslauch), Anis, Senf, Fenchel, Petersilie, Knoblauch, Sellerie, Zwiebel),

Gegenständes des alltäglichen Gebrauchs (Kleidung aller Art, besonders Leibwäsche, Schuhe)

und heilige Dinge (Hostien, Graberde, Totengebein).

In den Bußbüchern wird das Bereiten von Liebestränken als todeswürdige Sünde bezeichnet.

Einige Beispielefür einschlägie Mittel: Hildegard von Bingen empfiehlt gegen Impotenz einen Trank aus Hauswurz (“Si quis homo eam [sc. Sempervivum] comederet, qui sanus in genitali natura esset, totus in libidine arderet”. Derselbe Trank, mit Frauenmilch zubereitet, hülfe gegen die Taubheit). – Albertus Magnus verordnet zur Förderung der Liebesbereitschaft ein Pulver aus getrockneten Würmern, Immergrün und Hauslauch. – Von einem Pierre Mora stammt folgendes Rezept für ein Aphrodisiakum: Taubenherz, Spatzenleber, Hasenniere und Genitalien einer Schwalbe trocknen, zerstoßen und zu einem Trank aufgießen. – Von einer Hexe erfoltert wurde das Geständnis, Liebestränke aus Otternfleisch, Spinnen, Fingerkraut und dem Gehirn ungetaufter Säuglinge gebraut zu haben. – Gute Wirksamkeit wurde Zubereitungen mit der Alraunwurzel (Mandragora, Liebeskraut; s. Drogen) zugeschrieben. Hildegard von Bingen dagegen hält sie für ein Antaphrodisiakum. Als Wirkstoffe unterschiedlicher Liebestränke erscheinen Arsenik und Quecksilber, Pfeffer, Ingwer, Schlafmohn, Hanf, Herbstzeitlose, Brennessel, Senf, Eisenkraut, Majoran und Minze, ferner heiliges Öl und Hostien, körpereigene Substanzen (Haare, Nägel, Schweiß, Blut etc.), getrocknete Rattenschwänze, Spinnen, Eidechsen und Kröten oder das Haar eines Gehenkten. Wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem erigierten Penis wurde dem Phallus impudicus (gemeine Stinkmorchel) und verwandten Pilzen potenzsteigernde Kraft nachgesagt. Tierhoden, besonders die von geschlechtlich auffällig aktiven Arten (Hengst, Hahn, Wachteln, Spatzen), wurden allgemein für besonders wirksam gegen Impotenz gehalten; ebenso Hirschpenis (“ad venerem excitandam”). Die letztgenannten Beispiele entsprechen der Idee des Analogiezaubers.

(s. Aphrodisiaca, Drogen)




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