Medizin




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Medizin (lat. ars medicina = Heilkunst; zu medicus = Arzt; mhd. arzatie, lachentuom). Im Frühmittelalter begann man zögernd, gegen den Widerstand christlich-fundamentalistischer Lehrer (s. Hieronymus), in den Klöstern Theorie und Praxis der medizinischen Wissenschaft anhand antiker Werke zu lehren (s. Cassiodorus). In der Klosterregel St. Benedikts, der selbst als Arzt und Wundertäter bekannt war, wurde die Einrichtung von Hospitälern zur Vorschrift gemacht: “infirmorum cura omnia et super omnia adhibenda est …” (Die Krankenpflege steht über allem …). Isidor von Sevilla rechnete die Heilkunst nicht zu den artes, da sie deren Wissen voraussetzte. Für ihn galt sie als philosophia secunda, gegliedert in Prophylaxe (tuitio corporis; scientia curandi sanitatem) und Therapie (restauratio salutis; scientia curandi infirmitatem; aufgeteilt in innere Medizin [Diaeta und Pharmacia] und Chirurgie [manus operatio; ferramentorum incisio]). Dem Arzt waren drei Aufgaben zugeteilt: Anamnestik (praeterita agnoscere), Diagnostik (praesentia scire) und Prognostik (futura praevidere). Karl d. Gr. ordnete in seinem “Capitulare Diedenhofen” (805) an, dass die Schüler auch in der Heilkunde zu unterrichten seien: “De medicinali arte ut infantes discere mittantur”. Frühe deutsche Klosterschulen, in denen die Heilkunst von Mönchsärzten weitergegeben wurde, gab es in Corvey, Fulda, Reichenau, Weißenburg und St. Gallen. Die geistlichen Lehrer stützten sich beim Heilkundeunterricht auf antike (Galenus, Hippokrates, Dioskurides) und frühchristliche Quellen, auf altes Wissen der Volksmedizin und vertrauten auf die Wirkung von Bittgebeten zu Gott und gewissen Schutzheiligen. Daneben hatte sich aus vorchristlicher Zeit eine Vielzahl magischer Bräuche erhalten. Solche wurden unter dem einfachen Volk, besonders aber von weisen Frauen und Hebammen überliefert und angewandt, die man nach der Einführung des Christentums vielfach als Hexen diskreditierte.

Das Heil- und Pflegewesen außerhalb der Klostermauern war – soweit es nicht Belange der Chirurgie betraf – Domäne der Frauen. Studierte – häufig jüdische – Ärzte, die ihre Kunst meist in Konstantinopel erlernt hatten, fanden sich nur bei Hofe. Nachdem auf der Synode von Clermont (1130) Geistlichen die ärztliche Betätigung, besonders die Ausübung der Chirurgie, verboten worden war, ging die Ära der Klostermedizin zu Ende, gingen Heilkunde (“Innere Medizin”, ausgeübt vom physicus) und Chirurgie (die Domäne der chirurgici, der Wundärzte und Barbiere) getrennte Wege. Das Konzil von Tours (1163) und das IV. Laterankonzil (1215) bekräftigten das Praxisverbot für Geistliche.

Im 11. und 12. Jh. kam, vor allem durch Übersetzungen arabischsprachiger Fachliteratur angestoßen, die wissenschaftliche Medizin in Gang. Von höchster Autorität waren die Werke von Constantinus Africanus (“Ars medicinae”, basierend auf Hippokrates und Galen), Avicenna (“Canon medicinae”), Averroes (“Correctorium”) und Rhazes (“Continens”). Von 1240 an wurde die Pharmazie als nicht-universitäres Fach von der Medizin abgetrennt. Ausgehend von Salerno (Medizinschule seit etwa 1030) richtete sich die Schulmedizin an den Universitäten von Montpellier (1220), Paris (13. Jh.), Bologna (13. Jh.) und Padua (1222) ein. Als erste der dt. medizin. Fakultäten gilt die von Köln (gegr. 1395); die meisten, so auch die von Wien, Heidelberg, Tübingen, Erfurt oder Basel, wurden erst vom 15. Jh. an gegründet. Im Mittelpunkt des medizinischen Studiums stand die Innere Medizin (liparzenie, physica) gemäß der Lehre des Galenus, die nach scholastischer Manier kritiklos weitergereicht wurde. Die akadem. Medizin (ars medicina) stand bei mittelalterliche Philosophen und Rechtsgelehrten stets im Ruch einer dem Handwerklichen verbundenen Kunst, wurde eher bei den Artes mechanicae angesiedelt als in der Nähe von Philosophie oder Rechtskunde. Die Chirurgie (wuntarzenie) wurde in Deutschland erst Ende des 15. Jh. schulfähig. Bis dahin wurde sie, wie andere “niedere” heilkundliche Dienstleistungen auch, von den diversen “Proletariern des Ärztestandes”, den Badern, Schneidärzten, Feldscherern usf., als Handwerk erlernt und ausgeübt. Untrennbar mit der medizinischen Wissenschaft waren astrologische und magische Praktiken verbunden, für die besondere Regelwerke bestanden (s. Aderlassmännchen, Iatromechanik). Geburtshilfe blieb durchs ganze Mittelalter Sache der Frauen, die kurioserweise theoretisches Wissen – wenn überhaupt – aus von Männern verfassten Büchern bezogen. Insgesamt war die Schulmedizin des Mittelalter mehr von theoretischen Erwägungen als von praktischer Heilkunst geprägt. So wurden z. B. fiebrige Erkrankungen mit den Merkmalen (Qualitäten) warm/feucht durch Heilmittel mit den Merkmalen kalt/trocken behandelt.

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