Rinder




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Rinder (mhd. rint, vihe; lat. bos, iumentum). Das kleinwüchsige mittelalterliche Hausrind geht auf das ebensokleine, kurzhörnige Keltenrind (bos europaeus brachyceros) zurück, einer Abart des größeren, langhörnigen Ures (bos primigenius, s. Ur (Auerochs)). DNA-Untersuchungen an steinzeitlichen Rinder-Skeletten Mitteleuropas und des Vorderen Orients haben ergeben, dass unser Hausrind von domestizierten Rindern aus dem Vorderen Orient stammt und im Neolithikum von zuwandernden Bauern eingeführt worden ist (Bild der Wissenschaft 10/2004, “Die Kuh kommt aus dem Orient”). Aus Kreuzungszüchtungen sowie aufgrund untererschiedlicher Umwelt- und Lebensbedingungen haben sich die verschiedenen Rassen (Steppen-, Höhen- Niederungsrassen) herausgebildet, mit beachtlichen regionalen Größen- und Wuchsformunterschieden. So waren etwa die Rinder im heutigen Mecklenburg und Schleswig-Holstein – verglichen mit oberdeutschen Rindern – relativ hoch- und schlankwüchsig. An der Wende vom Spätmittelalter zur Frühneuzeit kam es zu einer allgemeinen Größenzunahme bei den Rinderrassen.

Die Viehhaltung war durch die überwiegend extensiv geführte Weidewirtschaft begrenzt, die auf minderwertigen, für Ackerbau untauglichen Flächen und auf unkrautreichen Stoppelfeldern (Brachfeldern) betrieben wurde. Nur in bestimmten, für Getreideanbau weniger geeigneten Regionen, so in den norddeutschen Niederungen, in höheren Mittelgebirgslagen und in alpinen Mittellagen, hatte daher die Rinderhaltung eine vorherrschende Stellung. Einlagerung von Winterfutter (Heu, Stroh) wurde nur in begrenztem Umfang betrieben, sodass ein Teil des Viehs zu Beginn der Aufstallung geschlachtet wurde und auch der überwinterte Teil des Viehstapels (Zug- und Zuchttiere) nur abgemagert und geschwächt das Frühjahr erlebte. Bei einer Widerristhöhe von 100 cm – 135 cm, einem Körpergewicht von 3 – 4 Zentnern und einem Gemelk von ca. 3 l/Tag waren Fleisch- und Milchleistung zwar wesentlich geringer als heute, dennoch stellten Käse, Butter und Fleisch wichtige Erzeugnisse dar. Der Nutzen der Rindviehhaltung vermehrte sich durch Ledergewinnung aus Rindshäuten (für Kleidung, Transportbehältnisse, Sättel, Zaumzeug, Blasebälge usf.); durch Verwendung von Rinderhaar in der Filzherstellung, beim Mörtelmachen und als Polstermaterial; durch Schnitzereien aus Rindsknochen (Würfel, Paternoster-Perlen, Beschläge, Kämme); Nutzung der Knochen zur Leim- und Seifenherstellung; der Hörner zur Herstellung von Blasinstrumenten, Kämmen, Scheiben für Laternen, Behältnissen für Wetzsteine, Griffen für Messer und Werkzeuge; der Sehnen für Armbrüste und Bogen und als Angeln an Dreschflegeln und Glockenklöppeln; des Talgs für Kerzen, Seifen und Schmiermittel; der Kalbsfelle für die Pergamentherstellung; der Därme als Wursthüllen; der Harnblase als Dudelsack, Fensterglasersatz und Schwimmhilfe; der Exkremente als Düngemittel (Rinder der damaligen Größe lieferten täglich ca. 16 – 20 kg Kot und Harn). In seinem “Gedicht von der Kuh” zählt der mhd. Dichter “Der König vom Odenwald” den vielfältigen “Nutzen, den die Kuh spendet” auf.

Der höchste Wert des Rindes lag indes in der Zugleistung vor Pflug, Egge und Wagen. Ochsen, in geringem Umfang auch Kühe, waren die wertvollsten Helfer in der Landwirtschaft und beim Transport von Heeresausrüstung, Handelsgütern und Baumaterial. Sie gingen paarweise nebeneinander im Joch oder waren mit dem Stirnblatt auch hintereinander angeschirrt. Die Tagesstrecke eines Ochsengespannes dürfte etwa 15 km betragen haben. Sofern Bullen als Zugtiere verwendet wurden, führte man sie an einem Nasenring (Bildbeleg in einem englischen Bestiarium, 13. Jh., Bodleian Library, Oxford, M.S. Bodley 764).

Auch im Rahmen der städt. Selbstversorgungswirtschft wurden Rinder gehalten, die tagsüber von Stadthirten auf umliegende Weiden getrieben wurden. Eine Straßburger Verordnung vom Anfang des 15. Jh. sah vor, dass Klöster zehn, Einwohner mit Pflug acht, solche ohne Pflug sechs Milchkühe halten durften.

(s. Agrarwirtschaft, Almwirtschaft, Düngung, Klauenbeschlag, Ochse, Ochsenhandel, Tierhaltung, Ur (Auerochs), Zugtiere)




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