Weinbau




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Weinbau (mhd. winwerc; lat. vitium cultura). Der hochentwickelte spätröm. Weinbau, von dem heute in Deutschland nur noch Weinberg-Reste an Ahr und Mittelrhein zeugen, ging im 5. Jh. zusammen mit der Römerherrschaft zugrunde. Nur wenige Weingüter wurden von den Leibeigenen fränkischer, alemannischer oder baiuwarischer Gutsherren weiterbewirtschaftet. Karl d. Gr. sorgte energisch für die Wiederbelebung des Weinbaus, die Rebsorten wurden durch fremde Setzreben erneuert und verbessert, die Weinbautechnik besonders durch die klösterlichen Winzer gefördert (so in Fulda. Lorsch, Maulbronn, Prüm, Weißenburg/Elsaß, Haslach, St. Gallen, Eberbach). Allein im Elsaß sind für die Zeit von 644 bis 900 über hundert Weinorte namentlich belegt. Im 8. Jh. dringt der Weinbau vom Rhein her in Mainfranken ein (Hammelburg 777, Würzburg 779); im 9./10. Jh. ist er an vielen Stellen Bayerns, Badens, Württembergs und Sachsens nachzuweisen. Das Aufblühen der Rebkultur wurde wesentlich begünstigt durch die günstigen Klimaverhältnisse der Zeit (“Mittelalterliches Optimum”, ca. 800 – 1300).

Der von den Mönchen angebaute Wein war in erster Linie für das Messopfer bestimmt, sodann für Gäste, Kranke und Genesende – die Eigenversorgung stand ursprünglich an letzter Stelle. Im 13. Jh. wurde in einer Anweisung des Klosters Weißenburg das Düngen, Schneiden (mit einem speziellen Messer mit Rückenschneide, lat. securis), Stützen, Anbinden, Jäten und Hacken des Bodens, Herbsten (Ernten, Lesen) und anderes geregelt. Die Reben wurden einzeln an Pfähle gepflanzt (Pfahlerziehung), seltener als Überdachung lauschiger Gartenanlagen gezogen (Pergolaerziehung). Das bei anderen Kulturpflanzungen übliche Zäunen war auch bei Weingärten üblich (s. Zäune).

Um die Fläche eines Weingartens (mhd. winbiunte, -garte, -wahs) optimal zu nutzen, legten Weinbauern häufig zwischen den Rebzeilen Subkulturen an (z.B. Kohl, Raps, Rüben, Getreide). Klöster besaßen wo nicht die meisten, so doch die besten Rebäcker. Noch heute zeugen davon Weinbergnamen wie Kirchberg, Klosterley, Klosterheck, Klostergewann, Klosterkammer, Klostergarten, Mönchberg, Kartäuserhofberg, Kirchenstück u.v.a.

Weinbau wurde bis zum Ende des Mittelalter – außer in den traditionellen Anbaugebieten im Westen und Süden – auch betrieben in Westfalen und Thüringen (um 1000), in Mecklenburg und Pommern (1130), bei Braunschweig (12. Jh.), bei Prag (1360), in Schlesien, West- und Ostpreußen bis nach Thorn und Tilsit (1370), an Saale, Elbe und Weichsel, bei Hamburg oder Berlin. Am Ende des Mittelalter war die Weinbaufläche in Deutschland größer als jemals zuvor oder danach. Etwa 350.000 Hektar Land wurden als Rebflächen genutzt, heute sind es ca. 90.000 Hektar. Der Mostertrag war wesentlich geringer als heute, er betrug beispielsweise am Kaiserstuhl im 14. Jh. 40 hl/ha. (heute durchschnittlich mehr als das Doppelte). Der Weinverbrauch pro Kopf war bis zum Spätmittelalter auf jährlich 150 – 200 ltr. (in höfischen Kreisen bis zu 900 ltr.) angestiegen (gegenüber durchschnittlich etwa 25 ltr. um 1980). Im 15. Jh. vernichteten zwei katastrophale Frostjahre die Rebstöcke im dt. Norden und Osten bis an die Wurzeln. Dieser Schaden brachte, zusammen mit der aufkommenden Konkurrenz durch Importweine und gehopftes Bier (das damit lager- und transportfähig war), den Weinbau in den klimatisch benachteiligten Gegenden zum Erliegen.

Die Rebsorte, die zur Karolingerzeit am weitesten verbreitet war, war der weniger edle als ertragreiche röm. Elbling (v. lat. albus = weiß). Daneben wurde der sog. Gänsefüßler angebaut, der ebenfalls von den Römern eingeführt worden war. Karl d. Gr. hatte die Orleans- und Tirolertraube (Trollinger) kennen und schätzen gelernt, und förderte ihren Anbau. Die Herkunft der Rieslingrebe ist unklar, von einem “Ruslingwin” wird 1410 erstmals in der Umgebung von Worms berichtet. Blauer Spätburgunder stammt wohl – dem Namen entsprechend – aus dem Burgund und ist ab dem 4. Jh. urkundlich belegt. Ab etwa 500 wird Traminer angebaut; ob das südtirolische Tramin die Heimat der Rebsorte ist, kann nicht belegt werden.

Ortsnamen oder Termini der Weinsprache können Auskunft darüber geben, ob der Weinbau einer Landschaft schon zur Römerzeit betrieben wurde oder erst im frühen oder gar hohen Mittelalter aufkam. (Ortsnamen mit Port, Castel, Mont finden sich an Mosel, Saar, Ruwer und vereinzelt in der Pfalz. Viele Namen leiten sich vom Römischen ab: Koblenz [Confluentes], Uerzig [Ursiacum], Monzel [Monticella = Kapelle auf dem Berg], Traben, Zabern sind Ableitungen aus tabernae [Ort der Weinschänken] usf. Wo statt Winzer [vinitor] Häcker und statt Kelter [v. calcare = zertreten] Trotte [v. treten] gesagt wurde, hat der Weinbau nicht spätantike sondern mittelalterliche Wurzeln.)

Die erste fundierte Abhandlung des Mittelalter über Weinbau verfasste zwischen 1304 und 1309 der Bologneser Jurist Petrus de Crescentiis (um 1233 – um 1321) im Kontext seiner mlat. “Ruralium commodorum libri XII.” (auch: “Liber cultus ruris”). In deren vierten Band wird Önologie behandelt unter “De vitibus et vineis et cultu earum, ac natura et utilitate fructus ipsarum” (“Weinreben und Weinberge und ihr Anbau, sowie Natur und Nutzen der Früchte selbst”). In dem Abschnitt “Wie man tretten sol die truben und wyn usz in machen” betont er den Wert von Sauberkeit in Kelter und Keller. Das Werk fand außerordentliche Verbreitung (132 Handschriften, 16 Wiegendrucke); allein seine dt. Ausgabe erlebte unter dem Titel “Von dem nutz der ding, die in den äckeren gebuwt werden. Von nutz der buwleüt” 12 Auflagen.




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