Aderlassmännchen




Aderlassmännchen (Lassmännchen), Aderlasskalender. Die Phlebotomisten (Aderlasser) entschieden über das zu öffnende Blutgefäß anhand von Bildtafeln, in denen eine menschliche Figur nach medizinischen Indikationen und astrologischen Aspekten regionalisiert dargestellt war. Die wichtigsten Adern der einzelnen Körperregionen wurden zu den Tierkreiszeichen in qualitative Beziehungen (gut, mittel, bös) gesetzt. Besondere Berücksichtigung fanden die Mondphasen; so sollte jenes Glied, in dessen Zeichen der Mond eintritt, nicht zur Ader gelassen werden.

Aus einem Wiener Aderlasskalender von 1474:

“Derwelt (=ausgewählte) täg auff der ader und mit köppffen (=Schröpfköpfen) zu lassen nach waren lauff der planeten … den jungen in auffnemunden und den alten in abnemunden man (=Mond) füegelich ist zu lassen:Jenner:Phincztag (=Donnerstag) vor Anthony an dy schamFreytag und sambstag vor Anthony an dy diech(=Oberschenkel)An sant Viczenczen tag und suntag darnach an das hawbt (=Haupt)Suntag vor liechtmessen an dy lungader.”

Aus einem in Augsburg gedruckten Kalender für das Jahr 1470 zum Thema “Aderlass und Jahreszeiten”:

Wan ain mensch tzuo yetlicher zeit lassen sol.Des lentz und summers zeitenLas uff der gerechten seiten.Den herbst und winters kaltDie lincken adern spalt.

In Aderlasskalendern waren die Tage vermerkt, an welchen “umb großer Gefahr Leibes und Lebens” Aderlass zu meiden und an welchen günstige Bedingungen bestanden. Wer an ersteren (z.B. Liebfrauentag/25. März, Simon u. Juda/28. Oktober oder Andreastag/30. November) sich zur Ader ließ, würde das Jahr nicht überleben. Als günstige Lasstage galten u.a. der Blasiustag (3. Februar), der erste Freitag im Mai, der Martinitag (11. November) oder der Stephanstag (26. Dezember).




Geburt und Tod, Ehe und Familie, Religion und das Verhältnis zur Natur … Robert Fossier führt uns ein in die mittelalterliche Welt und erzählt vom Leben derer, von denen wir bislang zu wenig wissen: der einfachen Menschen.

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