Alter

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Lexikon des Mittealters Leben im Schatten der Zinnen: Burgen des Mittelalters und ihr Alltag
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Alter (mhd. altheit; lat. senectus, senium). Das Alter wurde generell als Elend angesehen und der altersbedingte körperliche und geistige Verfall wurde literarisch mit drastischem Realismus vorgeführt. So etwa in einem Augsburger Traktat “Lehre und Unterweisung”: “Denn der alte Mensch ist voller Klage und leer aller Freuden. Denn das Haupt schwindet, das Hirn sinkt, das Gedächtnis entgeht, das Herz siecht, die Brust krachet, die Länge beugt sich, die Größe schwindet, die Stärke krankt, das Antlitz dunkelt, der Atem schmeckt, die Augen rinnen, die Nase läuft, die Zähn erfaulen, die Ohren schwellen, die Zung stammlet, die Händ erzittern, die Füße sifflen [schleifen], und der Alte erzürnet bald”.

Wie früh oder spät der Einzelne von Altersbeschwerden heimgesucht wurde, hing einmal von der jeweiligen sozialen Stellung und zum anderen von der Lebensführung ab. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 35 Jahren wurden Fünfzigjährige schon den Alten zugerechnet. Roger Bacon vertrat in seinem Opus maius (accidentia senectutis) die Meinung, dass das Alter (senectus) mit 35 und das Greisentum (senium) mit 60 Jahren beginne. Die Ursache für die altersbedingten physischen und mentalen Veränderungen sowie für negative Charakterzüge sah er in einem Überhandnehmen übler Säfte bei gleichzeitiger Abnahme natürlicher Wärme und Feuchtigkeit – war doch den Ärzten die Verringerung der inneren Wärme und der Wasserverlust im Organismus der Greise aufgefallen. Man verglich daher das Altern mit einer brennenden Öllampe, deren Flüssigkeitsvorrat ständig abnimmt, bis sie endlich erlischt.

Je geringer der Anteil der Alten an der Gesamtgesellschaft war, in desto höherem Ansehen standen sie. Sie wurden als Weise respektiert, galten als Vorbild und Ratgeber der Jugend. Hugo von St.Victor (12. Jh.): “Während alles übrige im Leben uns einfach davonschwimmt, wächst einzig und allein noch die Weisheit”. So waren etwa in Venedig im Spätmittelalter die höchsten städt. Ämter Senioren vorbehalten, weil man ihnen Weisheit und Bedächtigkeit zutraute. Auch hohe kirchl. Ämter waren häufig von Greisen besetzt, wohl aber schon deswegen, weil sie eine lange Zeit gebraucht hatten, um sich auf der Karriereleiter hochzudienen. – Dazu kontrastierend stand das Bild des “alten Narren”, dessen Rechtsfähigkeit gegebenenfalls nachgewiesen werden musste (Sachsenspiegel, Landrecht I, 52.2), und den die nachrückende Generation aus Besitz und Herrschaft zu drängen suchte. Oft wurden Alte, die daheim im Wege standen, von der Heilsnotwendigkeit einer Pilgerfahrt überzeugt; durfte man doch – umso sicherer, je weiter die Reise war – davon ausgehen, dass sie die Reisestrapazen nicht überstehen würden.

Es standen sich also eine positive und eine negative Charakterisierung der Alten gegenüber: waren die “guten Alten” gekennzeichnet durch Erkenntnis, Weisheit, Beherrschung der Leidenschaften und Begierden, durch Barmherzigkeit und Nächstenliebe, so waren die “schlechten Alten” geschlagen mit Untugenden wie Melancholie, Ungeduld, Verdrießlichkeit, Gedächtnisschwäche und Torheit. Da die Naturphilosophen keine schlüssige Begründung der jeweiligen Persönlichkeitsentwicklung aus der Säftelehre ableiten konnten, suchten sie die Erklärung in der Entscheidungsfreiheit des Menschen und im Willen Gottes.

Im Spätmittelalter entstanden Regimina senum (Altersregimen), in welchen die verschiedenen Perioden des Altwerdens und die jeweils charakteristischen Beschwerden und Ausfallserscheinungen aufgezählt werden. Vor allem geben sie Anleitungen zur Verlängerung des Lebens in Form von Regeln zu Hygiene und Diätetik. Werke dieser Art erschienen unter Titeln wie “Ars Gerocomia”, “Gerontocomia”, “De vita longa”, “De senum cura” oder “De conservanda Juventute et retardanda senectude”.

In den meisten Ländern des mittelalterliche Abendlandes wurden den Alten bestimmte Vergünstigungen zuerkannt, so etwa Befreiung vom Heerfolge- und Wachdienst, von Arbeitspflicht und Steuerzahlung. Mönche und Kleriker waren nach dem 60. Lebensjahr von Selbstkasteiungen (z.B. Selbstggeißelung) und vom 70. Lebensjahr an vom Fasten befreit. Im Übrigen galten Alte gleichviel wie Kranke, Behinderte, Alte, Fremde und Arme und waren besonderer christl. Fürsorge anempfohlen.

In mittelalterliche Darstellungen wird das Alter realistisch charakterisiert durch Glatzköpfigkeit und Langbärtigkeit bei Männern, durch schlaffe Brüste, graues Haar und verhülltes Haupt bei Frauen, sowie durch tiefliegende Augen, eingesunkene Wangen, zahnlosen Mund, faltige Gesichtshaut, gebeugte Haltung, Gehhilfen (Krücken) und freudlose Miene bei beiden Geschlechtern. – Der verliebte Greis war das Abbild eines ebenso lüsternen wie lächerlichen Kerls. – Der Monat Februar wurde bildlich häufig durch einen alten Mann symbolisiert, der an einem offenen Feuer Wärme sucht. – Gottvater wurde stets als langbärtiger alter Mann, häufig mit Herrscherinsignien dargestellt.

Dem Sachsenspiegel (Landrecht 1, 52, 2) zufolge hatte ein Mann zugunsten seiner Erben die Verfügungsgewalt über seine Güter verloren, “sobald er, gerüstet mit Schwert und Schild, nicht mehr selbständig ein Pferd besteigen kann” (Zit. nach P. Dinzelbacher).

Im mittelalterliche Aberglauben galt der Angang eines alten Weibes als unglückliches Vorzeichen. Weise Frauen, Kräuterweiber und Hexen wurden vielfach in Gestalt alter Frauen dargestellt. – In mittelalterliche Illustrationen von Rechtsbüchern erscheinen gerichtliche Zeugen als langbärtige alte Männer: ihnen traute man am ehesten ein weit zurückreichendes Erinnern von rechtsrelevanten Tatsachen zu.

(s. Altenfürsorge, Brille, Jungbrunnen, Lebensalter, Lebenserwartung, Lesestein, Menstruation)

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