Anatomie

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Anatomie (spätlat. anatomia; v. grch. ana-temnein = aufschneiden, zerteilen). So fruchtbar die karolingische Renaissance für Rechtswesen, Literatur und Baukunst gewesen war, der medizinischen Wissenschaft hatte sie keinerlei Fortschritt gebracht. Die medizinische Kunst des Frühmittelalter gründete in Studium und Exegese der Schriften von Hippokrates und Galen. Das Studium der Anatomie wurde dadurch behindert, dass die Kirche der Autopsie ablehnend gegenüberstand. Sollte doch der tote Körper unversehrt der Auferstehung entgegenschlummern. Allenfalls hingerichtete Verbrecher durften seziert werden, hatten diese sich doch selbst aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Solche Sektionen waren jedoch nur als Illustration der Galenschen Lehren, nicht als eigenständige Forschung gedacht. Nach dem Vorbild der Medizinschule von Salerno, die schon um das Jahr 1000 in hohem Ansehen stand und wo zu Beginn des 12. Jh. unter Matthaeus Platearius die ersten anatomischen Studien eingerichtet wurden, entstanden frühe medizinischen Lehrstühle um 1130 in Montpellier, 1180 in Bologna, 1228 in Padua, 1240 in Valencia und 1250 in Paris. Die Zeit der Anatomen begann jedoch erst im 14. Jh. (s. Gerichtsmedizin)

Einen hemmenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der Lehre von der Anatomie hatte die Entscheidung des Konzils von Tours (1163), dass Geistlichen die Ausübung praktischer Heilkunst, somit auch das Studium der Anatomie anhand einer Sektion verboten sei (“Ecclesia abhorret a sanguine”).

Zur Anatomie, die als vorbereitendes Fach der Chirurgie gelehrt wurde, gab es schon im 12. Jh. illuminierte Präparieranweisungen, so etwa die bis ins Hochmittelalter benutzte “Expositio membrorum” (Aufbau der Glieder) des Vindicianus Afri, die in einer Bamberger Abschrift unter dem Titel “Tractatus de scemate humano” vorliegt. Die in Breslauer und Erfurter Handschriften verbreitete “Demonstratio” geht auf die “Anatomia Cophonis” der Salernitaner Schule aus der Zeit zwischen 1100 und 1150 zurück. Kaiser Friedrich II. empfahl gegen das strikte Verbot durch die Kirche, für Sizilien die Vornahme von Sektionen (1240); der Medizinschule von Salerno schrieb er vor, auch in Anatomie und Chirurgie zu unterrichten. Ab 1290 wurden diese Fächer auch in Bologna und Padua legalisiert. Um 1306 begann Henri de Mondeville, Leibchirurg des frz. Königs, mit der Niederschrift seiner an eigenem Erfahrungswissen orientierten “Chirurgia”. 1316 erschien in Bologna die “Anatomia” des Mondino dei Lucci, ein Leitfaden für die Sektion am menschlichen Körper (Voller Titel: “Anatome omnium humani corporis interiorum membrorum”). 1363 erschien in Montpellier die “Große Chirurgie” des Guy de Chauliac, die über vier Jahrhunderte das klassische Lehrbuch für Anatomie und Chirurgie bleiben sollte. Lehrsektionen am Menschen sind erstmals nachgewiesen in Cremona (1286), danach in Bologna (1316), Padua (1341), Perugia (1348), Montpellier (1366), Florenz (1388) und im span. Lerida (1391). Nördlich der Alpen begnügte man sich zu der Zeit noch weiterhin mit dem Literaturstudium und der Sektion von Tierkörpern; erst 1404 wurde in Wien am Menschen seziert, 1407 in Paris, 1460 in Prag und 1485 in Tübingen. Der erste Papst des MA., der Autopsien nicht nur erlaubte, sondern gar empfahl, war Sixtus IV. (1471 – 1484).

(s. Organe)

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