Hexe, Hexenmeister

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Lexikon des Mittealters Leben im Schatten der Zinnen: Burgen des Mittelalters und ihr Alltag
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Hexe. (mhd. hecse, hesse, hächse, hägs; ahd. hagazussa, hagzissa; lat. bacularia [Besenreiterin], malefica, fascinatrix [die mit dem Bösen Blick], magae mulier, filia noctis, maga, striga [v. strix = Eule, als Nachtvogel mit Hexen assoziiert], strigimaga, venefica usf.) Die Herkunft des Wortes “Hexe” ist nicht klar. Die ahd. Grundform “hagazussa” oder “hagzissa” dürfte von einer Zusammensetzung aus Hag (Zaun, Einfriedung) und Zussa (wahrscheinlich Umbildung aus idg. dhus = Dämon) kommen, und etwa die Bedeutung von “Zaunelfe”, “Zaungeist” haben. (Vgl. altisländ. tunrida = Zaunreiterin.) Eine allein und abseits an einem umzäunten Ort – einem Kräutergarten? – lebende und wegen ihrer Abgeschiedenheit unheimliche Frau könnte der Vorstellung von einer Hexe entsprochen haben. Im übrigen durfte das Tabuwort “Hexe”, dem Volksgefühl entsprechend, durchaus dunkel und undurchsichtig sein.

Die in uraltem Volksglauben verwurzelten Vorstellungen von dämonischen Kräften und bösen Geistern wurden von christl. Missionaren als primitiver Aberglauben bekämpft. Eine Synode zu Paderborn (785) hat noch den Glauben, dass sich Frauen in Hexen verwandeln könnten, als heidnischen Irrglauben verurteilt und denjenigen mit der Todesstrafe bedroht, der eine als Hexe diffamierte Person verbrenne. Kanon 15 der Synode von Reisbach, Freising (799) bestimmt, dass Zauberer, Zauberinnen etc. eingekerkert und durch den Presbyter womöglich zum Geständnis gebracht werden sollten, am Leben aber dürfe ihnen nichts geschehen. Im Canon Episcopi (um 900) war den Bischöfen aufgetragen worden, “den Glauben an dämonische Zauberei und an Nachtfahrten zu und mit Dämonen als reine Einbildung in ihren Diözesen und Gemeinden energisch zu bekämpfen, und die diesem Glauben Ergebenen als Frevler am Glauben aus der Kirchengemeinschaft auszuschließen.” Ma. Hexer und Hexen traten anfänglich in den abgelegensten Gegenden und mit gleicher Häufigkeit auf, waren meist Außenseiter der Gesellschaft, oft körperlich gezeichnet oder geistig gestört. Die ihnen im Volksglauben zugeschriebene Zauberkraft suchten sie häufig durch allerlei illusionistische Tricks oder magisches Brimborium zu verstärken. Manche unter ihnen haben auch ihre Macht über Dämonen in der Absicht öffentlich gemacht, Furcht und Schrecken zu verbreiten und Gewalt über andere Menschen zu erlangen. Die Theologen des Hochmittelalter erkannten dann auf die reale Existenz von Hexen (maleficae) und Hexenmeistern (malefici), Menschen also, die zauberische Schadensmacht aus einem Teufelsbündnis beziehen. Nunmehr war nicht mehr der Glauben an Hexerei, sondern der Zweifel an deren Wirklichkeit strafwürdig, Hexen und Zauberer “sol man uph der hurt burnen”, “sol man brennen” (Sachsenspiegel, Schwabenspiegel. 13. Jh.). Jedoch befand noch die Synode von Trier (1310): “Kein Weib soll vorgeben, dass sie nachts mit der Göttin Diana oder der Herodias ausreite. Denn das ist teuflisch Trug …”.

Seit der kirchlicherseits verordneten Verquickung von Hexerei und Satanskult war die Rolle der Hexe eine rein weibliche. Frauen passten einfach besser zu den abstrusen Phantastereien von sexuellen Orgien mit Luzifer, wie sie sich in den Hirnen zölibatärer Satanologen und Dämonenjäger abspielten. Auch darf vermutet werden, dass manche kräuterkundige Frau, die Rat bei der Krankheitsbehandlung und bei der Schwangerschaftsverhütung wusste, von Kirche und weltl. Obrigkeit als Hexe verfolgt wurde, konnte sie doch der Ärzteschaft Komkurrenz machen und das Wiederanwachsen der im 14. Jh. drastisch dezimierten Bevölkerung behindern.

Die Delikte Hexerei und Zauberei fielen in die Bereiche sowohl der weltlichen wie der geistlichen Rechtsprechung, und trotz der Einrichtung von Inquisitionsprozess und Feuertod, denen Frauen und Mädchen, Kinder und Greise, Gelehrte und Schwachsinnige, Arme und Reiche, Schöne und Hässliche zu Tausenden überantwortet wurden, sollte das große “Hexenbrennen” erst zu Beginn der Neuzeit einsetzen, ihren Höhepunkt um 1700 erreichen und erst am Ende des 18. Jh. zum Erliegen kommen. (Die Schätzungen für die Zahl der in kirchlichem Auftrag bis zum 18. Jh. in Europa als Hexen ermordeten Frauen gehen weit auseinander. Gründe dafür sind, dass die Mehrzahl der Verhörprotokolle, Ratsakten und Gutachten verlorengegangen oder mitverbrannt worden sind. Zahlenangaben liegen zwischen liegen zwischen “Zehntausende” [A. Gurjewitsch], “fünfzig oder sechzigtausend” [W. Behringer] bzw. 100.000 [H.-J. Wolf], 200.000 [Robbins], 200.000 – 500.000 [G. Schormann] bis hin zu “über eine Million” [Der Spiegel, 17/2000]).

(s. Hexenbulle, Hexendelikte, Hexenhebammen, Hexenprobe, Hexenprozess, Hexenriechen, Hexenritt, Hexensalbe, Hexentiere, Hexenwahn, Scheiterhaufen)

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