Mirakelbücher

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Lexikon des Mittealters Leben im Schatten der Zinnen: Burgen des Mittelalters und ihr Alltag
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Mirakelbücher (zu lat. miraculum, mhd. mirakel = Wunder, Zeichen) waren Sammlungen frommer Erzählungen von Wundern, die Gott durch seine Heiligen wirkte, bzw. die durch Anrufung von Heiligen an den jeweiligen Kultorten bewirkt worden waren. Die Sammlungen wurden mit dem Ziel der Glaubensfestigung niedergeschrieben – Schriftliches war ja von größerer Autorität – und waren ihrerseits Ausdruck der verbreiteten Wundergläubigkeit, ja Wundersüchtigkeit und standen in engem Zusammenhang mit dem Reliquienkult. Wunderberichte waren häufig chronologisch geordnet und mit Datumsangaben versehen, was ihre Glaubhaftigkeit erhöhen sollte. Während sich die in Viten geschilderten Wunder an jedem beliebigen Aufenthaltsort des Heiligen ereignen konnten, geschahen diejenigen der Mirakelbücher zumeist am Heiligengrab; selten sind auch “Fernwunder” überliefert, die auf Anrufung eines Heiligen hin an anderer Stelle geschahen. So wurden Mirakelsammlungen nicht zuletzt in der Absicht angelegt, Propaganda für den jeweiligen Gnadenort zu machen und Pilgerströme anzulocken. – Vom 9. bis zum 12. Jh. nahm die Anzahl der Mirakelbücher zu, um danach wieder zurückzugehen.

Als Beispiele aus hunderten ihrer Art seien die Folgenden genannt:

Das Mirakelbuch des Priesters Wolfhard (“Miracula Sanctae Waldburgis Monheimensia”, Ende des 9. Jh.); es zählt Wunderheilungen auf, die sich im Kloster Monheim auf Anrufung der hl. Walburgis hin ereigneten. Lahme, Blinde, Stumme, Besessene wurden geheilt, von 60 Heilungssuchenden wurden 54 erhört.

Die “Miracula Sancti Annonis” beschreiben Heilungen, die sich durch Fürbitte des 1183 heilig gesprochenen Erzbischofs Anno II. von Köln (1010 – 1075) ereigneten. Aufgezählt werden Wunderheilungen an 67 Lahmen, 41 Blinden, 17 Taubstummen, bei 36 Unfällen und 136 weiteren Leiden unterschiedlichster Art.

Eine weitere Mirakel-Sammlung ist die der Hl. Elisabeth von Thüringen (“Miracula Sancte Elyzabet”), in der einzelne Wunderheilungen ausführlich samt Vorgeschichte beschrieben und durch Augenzeugen beglaubigt sind.

Der “Liber lacteus”, eine Mirakel- und Exempelsammlung, ist zwischen 1300 und 1325 in dem Südtiroler Zisterzienserkloster Stams entstanden. Die Schrift, auch unter dem Titel “Liber miraculorum qui et lacteus liquor dicitur” bekannt, enthält ca. 700 Geschichten aus der Feder mehrerer Schreiber, ist in zwei voneinander unabhängigen HS. (Innsbruck, ULB, Cod. 494; München, BSB, Clm 23420) und ca. 20 Schwester-HS. überliefert, und stellt eine Kompilation bekannter und unbekannter Texte dar. Der Titel der Sammlung will wohl verbildlichen, wie durch die Arbeit des Redaktors die Milch der geistigen Nahrung mühevoll ermolken, portioniet und zugeteilt wird.

In den genannten und den übrigen Mirakelbüchern findet sich das ganze Spektrum von körperlichen Versehrungen, Gebresten, Schmerzen und Missbildungen und von seelischen und nervösen Leiden – da war nichts, das einer Wunderheilung nicht zugänglich gewesen wäre. Dazu kommen Berichte von Visionen und Auditionen, von Totenerweckungen, Strafwundern, Gefangenenbefreiungen, Lichtmirakeln u.v.a.m.

Ende des 15. Jh. gingen die ersten Wunderbüchlein in Druck und wurden von Wallfahrtszentren zur Kultwerbung verbreitet. Zielgruppe war das überregionale, lesekundige, zunehmend städtische Publikum. (Als frühes Beispiel seien die Altöttinger Mirakeldrucke von 1492, 1494 und 1497 genannt, gedruckt in Augsburg und Nürnberg.)

(s. Reliquienkult, Translationsberichte)

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