Säftelehre




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Säftelehre (Humores-Lehre; Humoralpathologie). Von zentraler Bedeutung in der mittelalterliche Heilkunst war die Säftelehre Galens, die ihrerseits auf antike Vorstellungen zurückgeht. Diese spekulative Doktrin ordnete physiologische und pathologische Zustände vier Körpersäften (humores) zu, nämlich schwarzer Galle (melancolia), Schleim (phlegma), gelber Galle (colera) und Blut (sanguis). Avicenna definiert einen sog. Saft als “einen feuchten, flüssigen Körper, in welchen der Nährstoff verwandelt wird”. Den vier Säften wurden bestimmte Eigenschaften (qualitates) zugeordnet: schwarze Galle – kalt und trocken, Schleim – kalt und feucht, gelbe Galle – warm und trocken, Blut – warm und feucht. Außerdem entsprach jeder der Säfte einem Organ, so die schwarze Galle der Milz, Schleim dem Gehirn, gelbe Galle der Leber und Blut dem Herzen. Auch in den Gestimmtheiten der Seele (den Temperamenten) hatten sie ihre Entsprechungen: die schwarze Galle entsprach dem Melancholiker, Schleim dem Phlegmatiker, gelbe Galle dem Choleriker und Blut dem Sanguiniker. Musikalisch wurde den Temperamenten Bass, Alt, Tenor und Sopran zugeordnet. An Farben entsprachen – nach dem obigen Schema – Schwarz, Weiß, Gelb und Rot, an Jahreszeiten Herbst, Winter, Sommer und Frühling, an Planeten Saturn, Mond, Mars und Jupiter. Das Weibliche wurde auf das Element Wasser bezogen, das männliche auf Luft. Das Gesagte in schematischer Darstellung:

elementa

terra

aqua

ignis

aer

humores

melancholia(schwarze Galle)

phlegma

cholera(gelbe Galle)

sanguis

qualitates

frigidum et siccum

frigidum et humidum

calidum et siccum

calidum et humidum

membra

splen

cerebrum

hepar

cor

temperamenta

melancholicus

phlegmaticus

cholericus

sanguinicus

colores

niger

albus

citrinus

rubeus

sapores

acidus

salsus

amarus

dulcis

tempora anni

autumnus

hiems

aestas

ver

planetae

Saturnus

Luna

Mars

Iupiter

genera

mulier

vir

aetates

virilitas

senium

iuventus

infantia

febres

f. quartana

f. quotidiana

f. tertiana

f. continua

voces

vox gravis(Bass)

vox alta(Alt)

vox media(Tenor)

vox suprema(Sopran)

An weiteren Zuordnungen kannte man die zu Aposteln und Windrichtungen:

Terra – Paulus – Norden;

Aqua – Petrus – Westen;

Ignis – Markus – Süden;

Aer – Johannes – Osten.

Krankheit (Dyskrasie) wurde nach der humoralen Doktrin als Störung des natürlichen Säftegleichgewichts (der Eukrasie) verstanden, bzw. als Überfluss oder Verdorbenheit von Säften. Dabei gab es keine klare Trennungslinie zwischen Eukrasie und Dyskrasie, Erstere geht durch diskrete Zwischenschritte in Letztere über. Durch Heilmittel (medicamina) kann ein guter Arzt den Säftehaushalt umformen, ausgleichen, wobei an Heilmitteln nicht nur Pharmaka, sondern auch Aderlass, Schröpfen und andere Ableitungen krankmachender Körpersäfte sowie Mittel der Diätetik (Diät, Bäder, Frischluft, Bewegung oder Temperaturreize) verordnet wurden.

Nach der gültigen Galenschen Regel wurden vegetabilische Simplicia nach ihren vier Primärqualitäten (warm/kalt/feucht/trocken) und diese wiederum in vier Intensitätsstufen (Grade) unterteilt.

Die Ätiologie einer Erkrankung war bei der Vielzahl möglicher Säftekonstellationen nicht mit apodiktischer Bestimmtheit festzulegen. Gute Ärzte suchten – entsprechend dieser Einsicht – in der Therapie maßvoll regulierende Wege. Die Scholastik bemächtigte sich der Säftelehre und machte daraus ein Monstrum an Obskurantismus. Man konstruierte Zusammenhänge zwischen Körpersäften und Planeten, Tierkreiszeichen, Gliedern und Organen sowie den Wirkungen von Heilkräutern, die ihrerseits unter dem Einfluss bestimmter Planeten standen. Die Säftelehre hatte, trotz des Erwachens von Empirie und kritischem Experimentieren, bis weit in die Neuzeit ihre Anhängerschaft.

(s. Ableitung der Körpersäfte, Diagnostik; Elemente; Komplexionen; Mundus, Annus, Homo; Qualität; Syzygie)




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