Sinne

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Sinne (mhd. sinne; lat. sensus). Reize aus der Umwelt werden von Rezeptoren und Sinnesorganen an die Sinnesfelder des menschl./tier. Gehirns weitergegeben und dort verarbeitet.

Nach Aristoteles wurden fünf Arten der menschlicher Wahrnehmung und Empfindung unterschieden:

Sehen (mhd. sehen; lat. videre. Die Fähigkeit, mit dem Auge Hell-, Dunkel-, Farbschattierungen und Formen wahrzunehmen),

Hören (mhd. hœren; lat. audire. Das Unterscheiden von Tonhöhen und Lautstärken),

Riechen (mhd. riechen; lat. olfacere. Das Unterscheiden verschiedener Substanzen anhand ihrer über die Nase aufgenommenen Ausdünstungen),

Schmecken (mhd. smecken; lat. gustare. Das in den Mund Aufgenommene als sauer, salzig, süß oder bitter empfinden),

Fühlen (mhd. vüelen; lat. sentire. Das über die Körperoberfläche oder aus dem Körperinneren erspürte Druck-, Schmerz-, Kälte- oder Wärmeempfinden).

Nicht berücksichtigt in der Sinneslehre des Aristoteles war der Gleichgewichtssinn, der im Vestibularapparat des Innenohrs beheimatet ist und auf Stellung, Lage sowie Bewegung des Körpers bewusste oder unbewusste Reaktionen veranlasst.

Der Gelehrte Thomasin von Zerclaere vergleicht die Sinne mit fünf Türen, durch welche Kunde von der Welt zu uns dringt und es uns ermöglicht, zu denken und zu urteilen. Er unterscheidet die Wahrnehmung von Klerikern und Laien: diese seien für die intellektuelle Durchdringung der Welt, jene für deren sensorische Wahrnehmung geschaffen.

Als wichtigste der Sinnesleistungen wurden Hören und Sehen angesehen, wie sie in die Paarformel hœren unde sehen eingegangen sind; die Verben charakterisieren das Erlernen mündlichen und schriftlichen Wissens in allen Bereichen sozialen Zusammenlebens, seien es Religion, Recht, Literatur, Geschichte oder Politik.

Die Reizempfänglichkeit des Menschen wurde seit je zu dessen mentaler Beeinflussung benutzt; so auch von Religionsgemeinschaften und wohl am konsequentesten von der kath. Kirche. Diese hat vom Frühmittelalter an in zunehmendem Maße verstanden, alle Sinne anzusprechen: über das Ohr kam Gottes Wort zu ihm, von Gesang, Instrumentalmusik und Glockenklang eindrucksvoll begleitet;

dem Gesichtssinn (mhd. sehunge) wurden Szenik, Gestik und Prunk der Liturgie geboten, graphische und plastische Darstellungen stellten biblisches Geschehen vors Auge;

der Geruchssinn (mhd. gerucht) wurde durch Weihrauch über den alltäglichen Mief erhoben;

den Geschmackssinn (mhd. gesmac) ergötzte die Süße von Herrenbrot und Wein;

der Tastsinn (mhd. tasten, v. lat. taxitare) der Fingerspitzen führte beim Abbeten des Rosenkranzes zu tieferer Versenkung ins Gebet, körperliche Berührungen (mhd. berüerde), wie etwa beim segenspendenden Handauflegen oder Bekreuzigen, konnten zu seelischer Erschütterung führen; selbst noch der Schmerzsinn (mhd. smerze) sollte das Leiden Jesu nacherleben lassen.

(s. Auge, Gerüche, Geschmack, Messe als liturgische Inszenierung, Nase, Ohr, Optik, Psychologie, Schmerz, Sinnesorgane)

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