Ziegen

Cinque Terre Forest
Lexikon des Mittealters Leben im Schatten der Zinnen: Burgen des Mittelalters und ihr Alltag
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Ziegen (mhd. zigen; lat. caprae). Hausziegen stammen von Wildziegen der Gattung Capra ab, die je nach Gehörnform in drei Gruppen eingeteilt ist. Unsere Hausziege (Capra aegagrus hircus) ging aus der Gruppe der Bezoarziegen (aegagrus-Gruppe) hervor, für die das Säbelhorn charakteristisch ist. Früheste Domestikation (im 7. vorchristl. Jahrtausend) wird für das vorderasiatische Bergland angenommen. Knochenfunde belegen, dass Ziegen überwiegend in den Gebirgs- und Mittelgebirgsregionen gehalten wurden, deren karge Weiden nicht genügend Futter für Rinder boten. Genutzt wurden sie als Fleischlieferanten und – wie aus dem Überwiegen von adulten weibl. Tieren zu schließen ist – als Milchtiere. Daneben wurden Ziegenhaar (zur Filzherstellung), Ziegenhaut (zur Pergamentgewinnung) und die Hornscheiden genutzt. Karl d. Gr. hat die Bedeutung der Ziegenhaltung hoch eingeschätzt; er ordnete an, dass auf seinen Hofgütern Ziegenherden als Lieferanten von Ziegenkäse, Salzfleisch, Häuten, Fellen und Hörnern zu halten seien. Welche Bedeutung die Ziegenhaltung allein für die Pergamentherstellung hatte, erweist sich anhand der erhaltenen St. Gallener Pergamente aus dem 8. bis 10. Jh.: diese bestehen zu etwa je 40 % aus Schaf- und Ziegenhäuten und zu ca. 20 % aus Kalbshäuten. Ziegen wurden meist zusammen mit Schafen gehalten, weshalb eigene Ziegenhirten nicht erwähnt sind. Ihr Anteil an der Herde betrug etwa 10 – 20 %. Nur in Nordwestdeutschland scheint es eigene Ziegenherden von etwa 20 Köpfen gegeben zu haben. In den Küstenregionen ist – wohl wegen des Mangels an Laubfutter – Ziegenhaltung nicht nachzuweisen. Die Waldführung von Ziegen war fast überall verboten, da die Tiere Baumschösslinge verbissen und kletternd Bäume ruinierten.

Entsprechend ihrem hohen Nutzwert wurden Geißen und Zicklein häufig als Opfertiere dargebracht, ein Brauch, der sich im österlichen Zickleinbraten bis heute erhalten hat.

Im mittelalterliche Aberglauben hielt man Ziegen für glücksbringend und krankheitsabwehrend; in diesem Sinne stallte man sie zusammen mit anderen Tieren – Kühen oder Pferden – auf.

Sämtliche Körperteile sowie die Ausscheidungen von Ziegen (Milch, Harn, Kot) galten seit alter Zeit – und wohl aufgrund röm.-antiker Überlieferung – als heilkräftig, wenngleich in geringerem Maße als diejenigen vom Ziegenbock (s.u.).

Der Ziegenbock galt den Germanen als heiliges Tier des Gottes Donar (Thor) und als Verkörperung des Gewitters und der Sturmwinde. Um den german. Gott zu diffamieren wurden mit der Christianisierung dessen Charakterzüge auf den Satan übertragen, wurde der Bock zum Teufelstier und erschien der Leibhaftige gern in Gestalt eines schwarzen Ziegenbocks, zumindest trat er mit dessen Wahrzeichen auf (Hörner, Spitzbart, Schwanz, Klauen und feurige Augen). Zum Hexensabbat ritten die Zauberweiber auf einem schwarzen Höllenbock durch die Lüfte zur “Bockswiese”, und bezeugten ihrem Meister ihre Ergebenheit, indem sie ihm – wiederum in Gestalt eines schwarzen Ziegenbockes – den After küssten.

In der Volksmedizin nutzte man die sprichwörtliche Geilheit des Tieres und verwandte Bocks-Präparate als Liebeszauber; so erwarb sich derjenige die Dankbarkeit und bleibende Gunst einer Frau, der sein Glied vor dem Beischlaf mit Bocksblut, -fett, oder -galle einrieb. Zubereitungen mit den gleichen Stoffen sowie aus Harn und Kot (“Bockslorbeern”) hatten unzählige weitere Heilkräfte, sei es gegen Fallsucht, Blasenstein, Auszehrung, Kopfschmerzen, Bisswunden, Warzen, Krebs, Eingeweidewürmer, Bettnässen oder Ohrensausen – fast kein Leiden, das mit Bockspräparaten nicht zu heilen oder zu lindern gewesen wäre.

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