Zinn




Zinn (mhd., ahd. cin, zin; lat. stagnum, stannum; chem. Symbol Sn; wegen seiner Ähnlichkeit mit Blei auch plumbum album oder plumbum candidum genannt). Zinn, ein weiches, silberweiß glänzendes Metall, war schon für die vorgeschichtliche Kultur der Bronzezeit von großer Bedeutung gewesen: man nutzte es als Beimengung zu Kupfer, um die härtere Bronze herzustellen. Ein reger Handelsverkehr hatte das Metall aus den Erzgruben in Cornwall uns Spanien bis in den Nahen Osten verbracht. Auch wusste man, dass eine Zinnbeschichtung das Entstehen des giftigen Grünspan auf Kupfergfäßen verhindert.

Im christlichen Abendland wurde Zinn schon im Frühmittelalter von weniger vermögenden Kirchen zur Herstellung von liturgischem Gerät (Kelche, Patenen, Hostiendosen, Reliquienkästchen, Taufbecken) verwendet. (Konzile von Reims [um 810] und Tribur [895] hatten die Verwendung von Zinn zur Herstellung von Abendmahlsgerät erlaubt, da es – wie Silber und Gold und anders als Bronze, Kupfer, Eisen oder Blei – bei der Berührung mit Wein nicht oxydiert.) Eine wichtige Rolle spielte Zinn oder verzinntes Eisen- bzw. Kupferblech ferner bei der Dachdeckung. Vom 13. Jh. an wurden auch alltägliche Schmuck- und Gebrauchsgegenstände (Kästchen, Dosen, Kannen, Krüge, Plattflaschen, Becher, Teller, Leuchter, Wasserbehälter [“Wandbrunnen”], Nachttöpfe u.ä.m.) und Pilgerzeichen aus Zinn gegossen (s. Zinngießer). Koch-, Ess- und Trinkgefäße stellte man nach antikem Vorbold aus verzinnten Kupferlegierungen her, außerdem fertigte man Spiegel durch Verzinnen glatter Kupferscheiben. Der Zinnbelag dürfte durch Aufstreichen des flüssigen Metalls erfolgt sein. Bei der Herstellung von “Weißblech” wurden Eisenblechtafeln, nachdem sie durch Abschmirgeln von Rost befreit waren, mehrfach in ein Zinnbad getaucht und anschließend poliert.

Zinn in Verbindung mit Kupfer wurde als Bronze zum Guss von Kirchentüren, Glocken, Statuen, Geschützläufen usf. verwendet (s. Bronzeguss). Je nachdem größere Härte oder leichtere Bearbeitbarkeit erwünscht waren, wurde Kupfer mit Zinn oder Blei versetzt. Der Guss erfolgte anfänglich mit verlorener Form, später in zwei- oder mehrteilige Formen aus Sandstein, Ton oder Gips (erst von der Mitte des 16. Jh. an auch aus Messing). Die Oberfläche wurde durch Drehen, Gravieren (Stechen), Punktieren (Körnen, Sticheln), Punzen (Stempeln) oder Hämmern weiterbearbeitet, gelegentlich auch geätzt, vergoldet oder versilbert.

Zinn kam anfänglich als Importgut aus Südengland (Cornwall, Devonshire) und Spanien, wurde seit dem 12. Jh. auch im Fichtelgebirge (zwischen Weißenstadt und Wunsidel) und im westlichen Erzgebirge gefördert (Graupen 1146, Schönfeld 1200, Geyersberg 1315, Ehrenfriedersdorf 1400, Altenburg 1450). Die Zinngewinnung im Fichtelgebirge und die Vermarktung wurde von Sigmund Wann (um 1395 – 1469) zur Blüte geführt. (Wann war als Blechschmiedegeselle nach Venedig gekommen und hatte sich dort mit alchemistischen Praktiken vertraut gemacht. Von Wunsidel aus organisierte er einen europaweiten Zinnhandel. Seine Geschäfte ließen ihn zu Reichtum kommen und brachtem ihm das Bürgermeisteramt in Eger ein. Als frommer Christ stiftete er das nach ihm benannte Spital in Wunsidel, in dem sich heute ein Heimatmuseum befindet.) (s. Blech). Im 14./15. Jh. wurden neue Zinnvorkommen in Böhmen, Sachsen, Schlesien und Mähren erschlossen.

Den Heilkundigen war bekannt, dass der Gebrauch von Zinngefäßen – ähnlich wie bei solchen aus Blei – krankmachende Wirkung habe und gleichsam giftig wirke (uelud venenum). Hildegard v. Bingen zufolge heilt in Wein aufgeschwemmtes Zinnpulver geschwollene Augenlider, “weil die gemäßigte Kälte des Zinns mit der Wärme des Weins die warmen Säfte ausstößt”.

Alchemisten ordneten Zinn dem Planeten Jupiter zu; Verbindungen, deren Name mit dem Zusatz “iovis” verbunden war, waren stets solche des Zinns.

(s. Löten)




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