Die Ursachen des Zerfalls

Unter der Regierung Karls des Großen hatte das Reich eine ungeheure Ausdehnung erreicht. Hatte Karl der Große dieses für damalige Zeiten sehr große Reich durch seine Fähigkeiten und Autorität noch zusammengehalten, so bestand es nach seinem Tode nicht mehr lange. Schon während seiner letzten
Regierungsjahre mehrten sich die Anzeichen§ dass mit den alten Methoden der
Verwaltung das Reich nicht regiert werden, konnte. Unter seinen Nachfolgern
wurden diese Verfallserscheinungen immer deutlicher. Sie endeten mit der Auflösung des Reiches. Die Hauptursache für den Zerfall des Reiches war die verschiedenartige ökonomische Struktur der Gebiete. Für eine wirkliche Zentralisation fehlte eine eigene ökonomische Basis. Das Reichstellte nur eine zeitweilige,
nicht stabile militärisch-administrative Vereinigung dar. Es besaß keine einheitliche, allen Angehörigen des Reiches verständliche Sprache; denn es stellte ein Konglomerat von Stämmen und Völkerschaften dar, die ihr Eigenleben führten und
ihre eigene Sprache besaßen.

Die wichtigste Folge davon war aber, dass sich bei den Stämmen des
Ostens, da sie vom Einfluss des fortgeschrittenen Westens abgeschnitten wurden, das Tempo der gesellschaftlichen’ Entwicklung verlangsamte. Dagegen entwickelte sich der Feudalismus 9. Jahrhundert im Westen mächtig Weiter.
Während der westfränkische König durch die immer stärker werdenden Feudalherren die Verbindung zu den unteren Klassen verlor, konnte sich der ostfränkische König noch in hohem Maße auf das Volksaufgebot stützen. Die Verbindung
zwischen den verschiedenen Stämmen, eine der Hauptleistungen Karls des Großen,
ging verloren, und indem der gegenseitige Einfluss aufhörte, entwickelten sich
der östliche und der westliche Reichsteil in ganz verschiedener Weise.

Unter Karls Nachfolger Ludwig dem Frommen traten die zentrifugalen Bestrebungen in voller Stärke hervor. Ludwig schloss sich sehr eng an die Kirche an, zog
die Vertreter der Geistlichkeit mehr als bisher an den Hof und räumte ihnen Einfluss auf die Staatsführung ein. Dies und seine enge persönliche Hinwendung zum
Christentum brachten ihm den Beinamen „Der Fromme“ ein. Ludwig war kein
bedeutender Staatsmann. Er erließ im Jahre 817 ein Reichsgesetz, durch das sein
ältester Sohn Lothar zum Kaiser und Mitregenten, die anderen beiden Söhne zu
Königen erhoben wurden. Ludwig (später der Deutsche genannt) als König von
Bayern und Pippin als König von Aquitanien sollten die Oberherrschaft des Vaters
und nach dessen Tode die des älteren Bruders anerkennen, in der Verwaltung ihrer
Königr-eiche jedoch selbständig sein. Die Absicht, damit zumindest eine lose
Reichseinheit zu wahren, schlug fehl, denn der Adel erhob sich gegen ihn, und auch die Söhne erkannten die Oberherrschaft nicht an. So ist das ganze 9. Jahrhundert erfüllt von den Auseinandersetzungen der Brüder und ihrer Nachfolger.

Nach dem Tode Ludwigs des Frommen versuchte Lothar als Nachfolger seine
Oberhoheit durchzusetzen. Gegen diese Absicht Verbündeten sich seine beiden
Brüder Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle, der König von Westfranken. Sie
besiegten Lothar 841 in der Schlacht bei Fontenoy nahe Auxerres, ohne allerdings sein Heer ganz vernichten zu können. Zu weiterer Hilfeleistung und Treue
schworen sie bei einem Zusammentreffen vor ihren Gefolgsleuten im nächsten
Jahre die sogenannten Straßburger Eide. Diese sind aufgeschrieben worden und
uns erhalten geblieben. Wir können daraus erkennen, dass die Sprache im Ost- und im Westfränkischen Reiche so verschieden war, dass die Gefolgsleute der beiden Brüder sich nicht mehr richtig verständigen konnten. So sprach Karl seinen Eid in althochdeutscher, Ludwig der Deutsche den seinen in altfranzösischer Sprache, damit
sie von den Gefolgsleuten des Bruders recht verstanden werden konnten.

Die jahrelangen Kriege brachten großes Elend über das Land und seine Bewohner.
Die feudalen Truppen verwüsteten die Felder, die Bedrückungen durch den immer
mächtiger werdenden Adel bedrohten die Freiheit der Bauern.