Medizinischer Kannibalismus




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medizinischer Kannibalismus (Verwendung von menschlichen Körperteilen zu Heilzwecken). Menschliche Heilmittel zählten zusammen mit solchen von Tieren zu den “Animalia” (s. Arzneimittel), galten aber als wirkungsvoller, weil der Mensch als das vollkommenste der Tiere angesehen wurde.

Im Blut ist die Seelenkraft eines Menschen (oder Tieres) enthalten, die man durch das Trinken desselben sich einzuverleiben trachtete. Regino von Prüm weiß von den Ungarn: “Sie trinken Blut, verschlingen als Heilmittel die in Stücke geschnittenen Herzen derer, die sie zu Gefangenen gemacht haben.” – Außer zu allgemein kräftigenden Zwecken wurde Blut auch in spezieller Heilabsicht genossen – etwa gegen Aussatz, Gicht oder Fallsucht – oder als Liebeszauber verabreicht; soweit letzterer auf ein männliches Wesen gerichtet war, wurde auch Menstrualblut verwandt. Zur Therapie kamen durch Aderlass gewonnenes Eigen- und Fremdblut zur Anwendung; als besonders wirkungsvoll galt das Blut eines Geköpften, das unmittelbar nach dem tödlichen Hieb aufgefangen worden war. Außer zur Einnahme wurde Blut auch zu äußerlicher Behandlung – z.B. gegen Warzen – verordnet.

Juden wurden unter der Anschuldigung verfolgt, sie hätten kleine Kinder ermordet und deren Blut zu rituellen oder therapeutischen Zwecken benutzt (s. Blutfrevel). Hierher passt die Legende, dass ein Jude dem an Aussatz leidenden englischen König Richard (?) geraten habe, zur Genesung im Blut eines neugeborenen und getöteten Kindes zu baden.

Wie Blut galt tierisches und menschliches Fett (Adeps hominis) als Träger übernatürlicher Kräfte, die durch Einnahme oder äußerliche Anwendung auf den Anwender übergehen. Menschenfett – besonders “Armsünderschmalz” (das Fett von hingerichteten Delinquenten) – wurde als wirksames Heilmittel gegen Gicht, Arthrose und Gliederlähmung eingesetzt.

Menschenfleisch – besonders das von ungetauften Kindern – soll nicht nur von Hexen und Zauberern verzehrt worden sein, um in den Besitz zauberischer Macht zu gelangen, wie ein mittelalterliche Bußbuch weiß (Poenitentiale ecclesiarum Germaniae) und wie aus Prozessprotokollen hervorgeht. Menschenfleisch wurde in rohem oder in gekochtem Zustand, oder verbrannt und zu Pulver zerstoßen eingenommen. Daneben galten Nieren, Herz, Hirn, Leber und Milz als Sitz besonderer Kräfte, von denen man sich medizinische und magische Wirkung versprach.

Das menschliche Herz galt als Zentrum des Lebens und der Seele. Es wurde von Erwachsenen (Armsünderherz) oder von ungeborenen Kindern (dessen Verzehr ja den Mord an der Mutter voraussetzte) sowohl für allerlei Zauber (vor allem Liebeszauber) als auch mit Heilabsicht genommen, und zwar vorwiegend gegen Epilepsie und solche Krankheiten, die man als von Dämonen verursacht erkannte.

Gegen Schwerhörigkeit, ja sogar gegen angeborene Taubheit sollte ein Extrakt von Menschengalle helfen, den man in die Ohren träufelte.

Das Hirn galt schon in der Antike (Plato, Galen, Plinius) als Sitz der rationalen Seele, des Verstandes. Für Hildegard von Bingen war das Hirn “materia scientiae, sapientiae et intellectus hominis”. Hirnmasse von Menschen war schon im Alten Ägypten als Bestandteil einer Augensalbe bekannt. Hirnpräparate wurden im Mittelalter als Heilmittel gegen im Kopf beheimatete Leiden (Kopfweh, Ohrenklingen, Schwindel, Tollwut, Epilepsie) eingesetzt; sie stammten außer von verschiedenen Tierarten auch von Menschen. Nicht eindeutig vom Hirn unterschieden war das menschliche Haupt. Geraspelte Hirnschale kam als “Cranium humanorum” in den Apothekenfundus und wurde gegen Epilepsie (“schwere noth”) abgegeben. Getrocknetes Moos von der Hirnschale eines gehenkten Diebs, warm in den Händen gehalten, sollte Blutungen stillen.

Knochen repräsentierten die Kraft und Seelenstärke des Wesens, von dem sie stammten.

(Gebeine von Märtyrern und Heiligen fanden im Reliquienkult große Verehrung.) Knochen von Tieren und Menschen waren in der mittelalterliche Volksmedizin geläufige Arzneibestandteile. Sie wurden aus einem Beinhaus oder aus aufgelassenen Gräbern entwendet, gebrannt und zu Pulver zerstoßen und äußerlich wie innerlich angewandt gegen Überbeine, Geschwülste, Warzen, Hautausschlag, frische Wunden u.a.m. Auch wurde Öl aus Menschenknochen destilliert, das unter der Bezeichnung “Oleum ossium humanorum” als Mittel gegen Podagra in den Handel kam.

Auch menschliche Haut findet in der mittelalterliche Magie und Medizin Verwendung. So wurde ein gegerbter Hautstreifen, der von einem Toten abgezogen worden war, von Schwangeren als Leibbinde getragen, welche die Leibesfrucht vor Schaden bewahren und die Geburt fördern sollte.

Der Frauenmilch wurde eine lindernde und kühlende Wirkung nachgesagt. Ausgebuttert wurde sie gegen Augenleiden empfohlen.

Ein aus Menschenhaar gebranntes Elixier, vermischt mit Honig, sollte gut für den Haarwuchs sein.

Ein Trunk aus Ohrschmalz sollte heilende Wirkung haben auf Kolikschmerzen sowie auf Schrunden und Wunden.

Ein Präparat aus Nägeln galt als Brechmittel.

Nüchternspeichel wurde gegen Schlangen- und Hundebisse angewandt.

Große Kröpfe am Hals waren mit Menschenschweiß zu vertreiben.

Mittel aus Menschenkot sollten gegen angehexte große Schmerzen helfen.

Letztlich sei an die vom Spätmittelalter an in Mode gekommenen Präparate aus Mumienmaterial erinnert, die bei den verschiedensten Indikationen zur Anwendung kamen (s. Mumie).

Präparate der genannten Art durften in keiner Apotheke fehlen. Uns so musste sich deren Betreiber mit Scharfrichtern und Henkern als seinen Lieferanten gut stellen.

(s. Blut, Dreckapotheke)




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