Reh

Cinque Terre Forest
Lexikon des Mittealters Zwischen Zinnen und Alltag - Das Leben auf mittelalterlichen Burgen
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Reh (mhd. re, rech; lat. caprea; zool. Capreolus capreolus). Kleinste und häufigste Hirschart des europ. Kontinents. Seine Schulterhöhe misst 60 – 90 cm, sein Körpergewicht beträgt bis 30 kg, sein Lebensraum sind Wälder, Wiesen und Felder, seine Lebensweise ist überwiegend dämmerungsaktiv. Der Bock trägt ein Gehörn, das jährlich abgeworfen wird. In der kalten Jahreszeit schließen sich Rehe zu Rudeln zusammen, vom Frühjahr an leben sie wieder einzelgängerisch oder in Kleingruppen (Sprüngen).

Das Rehwild gehörte zur Hohen Jagd, war also dem Adel und der hohen Geistlichkeit vorbehalten. Es wurde oft in Gehegen (“Rehberg”) gehalten, damit es für Jagdgesellschften stets zur Verfügung stand.

Hildegard von Bingen schreibt im Buch von den Tieren (Kap. XI): “Das Reh ist von mäßiger Wärme … Sein Fleisch ist gesunden und kranken Menschen gleichermaßen bekömmlich.” Rehleber sei gut gegen Kolik, ein zwischen die Schulterblätter gebundenes getrocknetes und in Baumöl getauchtes Rehherz vertreibt den Rückenschmerz (gicht). Gegen Magenschmerzen empfiehlt sie einen Umschlag mit Rehschmer (unslet). Rehfell – vornehmlich die grau-braune Winterdecke -, wie ein Leinenhemd auf der bloßen Haut getragen, schützt vor noch so schwerer Pestilenz.

Konrad von Megenberg hält das Reh – antiker Tradition folgend – für eine verwilderte Ziege. Vom Reh stammen viele Heilmittel der Volksmedizin: so gab man Rehhirn gegen Fallsucht, Milz gegen Leibschmerzen, Leber gegen Augenleiden, Galle gegen unreine Haut, Ohrleiden und Zahnschmerzen, einen Trank mit Kot gegen Gelbsucht u.v.a.m.

Im Volksglauben erscheinen verwunschene Menschen in Rehgestalt. Rehe galten als fromme Tiere, sie suchten die Nähe von Einsiedlern und Gnadenbildern. Im Märchen ist die Verwandlung in ein Reh ein häufig wiederkehrendes Motiv (Verwandlungszauber). – Wenn auch das Bild des Tieres mit positiven Eigenschaften wie brav, scheu, zart assoziiert ist, so dürften Bauern, deren Felder und Bäume durch Rehfraß geschädigt wurden, das Tier als Feind betrachtet haben. Erschwerend kam wohl hinzu, dass die Wilddichte anstieg, waren doch die natürlichen Feinde – Wölfe und Luchse – schon im Mittelalter dezimiert worden, während den Jagdherren an einem dichten Besatz gelegen war; den Bauern aber war die Jagd auf Hochwild, und damit der Genuss von Wildpret streng verboten.

(s. Jagd, jagdbare Tiere, Zäune)

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